»Gestern. Man kam mir bis zur Grenze der Möglichkeit entgegen. Man glaubte, mich nach meinem Lebenswerk schonen zu müssen und zu können. Wohl auch aus Gründen kirchenpolitischer Natur. Aber ich bedurfte keiner Schonung. Irrte ich, so wird mir der Herrgott verzeihen, weil ich das Beste gewollt habe: kein halber Mann sein. Irrte ich nicht, so bringe ich dem Herrgott einen ganzen Mann.«

»Es ist nicht leicht, Heinrich, sich in älteren Jahren einen neuen Weg suchen.«

»Nein, es ist das schwerste. Ich habe es schon gemerkt. Der Vogel, der aus dem Käfig kommt, hat kein Vertrauen mehr zur Freiheit. Bis gestern war Leben in meiner Wohnung. Die Herren aus dem Vatikan gaben sich die Türklinke, um mich in zwölfter Stunde umzustimmen. Dann kam das Anathema. Und der erste Tag meiner Freiheit ist wie ein Totensonntag. Selbst meine Aufwärterin hat mich aufgegeben und weicht mir aus wie der heiligen Pestilenz.«

Otten lächelte. »So, so. Dir galt das. Ich bezog es schon auf meine Gespensterähnlichkeit.«

Heinrich Koch überhörte die Worte. Er blickte sinnend vor sich hin, und eine leise Röte der Verlegenheit färbte sein Gesicht. »Nein, leicht ist es nicht. Man findet keinen Wandergenossen mehr, der nur nach dem Kameraden fragt wie in alter Zeit und nicht nach seinem Katechismus.«

Joseph Otten reichte ihm die Hand. »Mich hast du, Heinrich.«

Beide Hände legte Koch um die Hand des Freundes. Sein Auge leuchtete auf. Er wollte sprechen und unterließ es. Vor ihnen beiden stand ihre Kindheit am Rhein.

»Es ist nicht viel von mir übrig geblieben, Heinrich.«

»Nicht für die da draußen. Aber für mich! Du warst als Junge mein Morgenrot, und nun willst du im Alter mein Abendrot sein. Mein Glück hat sich darauf besonnen, daß es ein Kreis sein muß.«

»Es wäre eher möglich, Heinrich, daß ich das Abendrot von dir erwarte. Ich bin — verbraucht.«