Von gewaltigen Mauern umgürtet, zinnengekrönt, von ragenden Trutztürmen und starken, steinernen Torgängen flankiert, schaut das gotische Städtlein verwundert auf den Rhein, der es nicht minder vergessen zu haben scheint. Uneinnehmbar war es einst, und »Virgo« nannten es die Geschichtschreiber. Jungfräulich sollte es bleiben. Weder die Schiffahrt noch die Eisenbahn hatte hier einen Halteplatz.
Ein Kleinod liegt am Niederrhein, und wenige, viel zu wenige wissen darum. Staub fällt auf Mauerkrone und Turmkappen. Wer auf dem Rheine vorübersegelt, staunt hinüber wie auf eine phantastische Erscheinung, ein auferstandenes Vineta ...
Klaus Gülichs Haus lehnte sich an die Stadtmauer. Von seinem oberen Stockwerk aus schweifte der Blick über die Rheinwiesen, auf denen die kurzen, knorrigen Weiden aufmarschiert standen wie Regimenter stummer Soldaten. Und hinter den Rheinwiesen lag der breite, glitzernde Streifen des langsam ziehenden Stromes. Holländische Ruhe atmete das Land ringsum, das sich meilenweit dem Blicke öffnete. Ein Kranz von Windmühlen säumte den Horizont.
Das Haus war ein sauberer Fachwerkbau, weiß getüncht, mit grünen Fensterläden und einem schwarzen, schuppigen Pfannendach. Der alte Klaus hatte seine Ehre darein gesetzt, es so schmuck herauszuputzen, als wäre es ein Schiff wie das, das er einstmals im Auftrage der Firma Otten von Köln nach Holland führte, Jahrzehnte hindurch, immer dieselbe Strecke.
Von der Station Dormagen her rollte ein Wagen über die Chaussee. Jetzt fuhr er in die stille Stadt ein, die in sommerlicher Mittagsruhe lag, bog an der Mauer ab und hielt vor einem der letzten Häuser. Der alte Klaus stand auf der Schwelle, untersetzt, im gestrickten braunen Wollkamisol, das achtzigjährige verwitterte Schiffergesicht von weißem Stoppelbart bekränzt, und rauchte seine Tonpfeife.
»Tringche,« rief er über die Schulter der handfesten Wirtschafterin zu, »is die Zupp parat? Die Häre komme.« Dann befestigte er den Pfeifenstiel im Mundwinkel, rückte an der Schiffermütze und bot den Aussteigenden die breite Hand. »Sid ihr all do? Guten Dag ooch. Jungens, ihr seht schlääch us!«
»Guten Tag, Klaus. Mensch wie das ewige Leben! Wir wollen es uns auch verdienen.«
»Dat scheint mir ooch langsam Zick zu sinn. Oder ihr mößt noch ens op die Welt komme. Na — also — herzlich willkommen, säht mer woll.«
Heute saßen sie zusammen um den schweren Eichentisch der Diele und schöpften aus derselben Schüssel. In den nächsten Tagen sollte ein Mobiliar für die beiden Herren ankommen, das Otten in Köln bestellt hatte. Tringche würde die Mieter alsdann separat zu bedienen haben.
»Heiß,« sagte der alte Klaus und ließ es dahingestellt, ob er die Suppe oder das Wetter meine. Man sprach nicht viel während der Mahlzeit. Die Wirtschafterin holte das Fleisch- und Gemüsegericht, Messer und Gabel klapperten, und ein paar aufgestörte große Fliegen summten und surrten an der Fensterscheibe. Als man sich vom Tisch erhob, äußerte Otten ein Lob über die ausgezeichnete Küche.