»Heute? Dann halten sie mit ihren Talenten stark hinter dem Berg.«
»Das wohl nicht, aber die Zeit sieht diese Talente nicht mehr als Talente an. Sie werden von Glücksritterinnen überwuchert, man liebt die stärkeren Sensationen.«
»Ja, die Sensationen — —. Das liegt an Amerika. Amerika ist tonangebend geworden für das alte Europa, und sklavisch, wie wir in der Mehrzahl sind, äffen wir den Yankee-Doodle nach, ganz egal, ob es uns auf den Leib paßt oder nur den Amerikanern. Die Frauen marschieren darin voran. Was die Amerikanerin tut, wie sie sich benimmt, was sie anzieht, es ist ladylike. Meinetwegen! Aber unsere Frauen sind ein anderer Schlag und sollten sich daher ihre geistige und körperliche Toilette selber zurechtlegen. Diese ganze Freiheitspassion nach amerikanischem Muster ist für Deutschland ein Humbug. Wo sind unsere anbetungswürdigen Hausfrauen geblieben, die immer noch Zeit für unsere kleinen Sorgen fanden? Donnerwetter. Einer muß sie doch haben, die Zeit.«
Heinrich Koch blickte den Freund durch die Brillengläser forschend an. Otten fühlte den Blick und sah zur Seite. »Ich weiß schon, du meinst, wir wollen sie gar nicht anders haben, weil — nun weil’s mal so Mode ist und man sich lieber einen alten Esel als einen rückständigen Zeitgenossen schelten läßt. Du, Heinrich, und was waren in unserer Jugend die Mädels so süß.«
»Ich hatte als Primaner eine Flamme, der ich das Heiraten versprechen mußte, bevor sie sich küssen ließ. So heilig war ihr der Kuß.«
»Und doch hast du sie sitzen lassen? Mir graut’s vor dir, Heinrich.«
»Ich sagte: Wenn eine — dann dich! Und es wurde keine ....«
»Und sie nahm den Schleier —«
»Den Brautschleier. Sie heiratete einen Bäcker aus der Schildergasse und schenkte ihm fünf Söhne. Zu einem stand ich Pate, denn sie war mein Beichtkind geworden aus alter Anhänglichkeit.«
»Um des Kusses willen .... Ich zählte auch schon sechzehn volle Jahre, als mir das Geheimnis aufging. Sie war ein hübsches, blondes Mädchen, so alt wie ich, also reifer, und ich rannte getreu auf ihrer Spur. Nun, du kanntest sie ja, die Tochter des Ehrenfelder Grubendirektors. Wir liebten uns unsäglich, sagten es uns aber nicht und küßten uns deshalb auch nicht. Aber zuweilen tippten wir uns heimlich mit der Fingerspitze an. Das war ein merkwürdig elektrisierendes Gefühl. Bis ich eines Sonntags zum Besuch dort war, in einer größeren jungen Gesellschaft. Wie deutlich das vor mir steht. Sie trug ein blau und weiß gestreiftes Kleid mit einem breiten Matrosenkragen. Natürlich spielten wir Pfänder, und ich mußte mit ihr ›polnisch betteln‹ gehen. Für meinen Mann ein Stück Brot, für meine Frau einen Kuß. Für meinen Mann einen Kuß, für meine Frau ein Stück Brot. Und zum Schlusse küßt sich auch das polnische Bettlerpaar. Es waren ganz weiche Lippen, die ich spürte, und von einer Süße, wie ich so etwas nicht für möglich gehalten hätte. Ich stand wie benebelt und wurde von der ausgelassenen Gesellschaft ausgelacht. Nur sie lachte nicht. Sie sah mir in die Augen, als ob sie weinen wollte. Ja — —. Und ich habe sie auch später zum Weinen gebracht, als ich sie vergaß.«