»Herr Doktor,« antwortete Otten ruhig, »wenn die Möglichkeit besteht, daß es sich für meine Frau nur noch um ein, zwei Nächte handeln könnte, so will ich diese Nächte für mich allein haben.«
»Die Möglichkeit ist nicht außer Frage. Vor morgen ist Genaueres nicht zu bestimmen. Andernfalls aber —«
»Andernfalls — und ich hoffe mit aller Kraft, daß dieser andere Fall eintritt — kann kein Mensch schneller die Genesung meiner Frau herbeiführen helfen als ich. Ich allein bin der Gewinnende — wie ich der Verlierende sein würde.«
Sie gingen die Treppe hinab und trafen Heinrich Koch und den alten Klaus auf der Diele. Und während der Arzt aus den mitgebrachten Vorräten ein paar Medikamente hervorsuchte, hatte sich Otten stumm zu den Freunden gesellt und saß zwischen ihnen. Mit heimlichem Staunen betrachtete der Arzt das seltsame graue Kollegium ....
Dann rief er die Wirtschafterin und wiederholte seine Vorschriften. Otten hatte sich sofort erhoben.
»Ich fahre jetzt nach Hause,« wandte sich der Arzt an ihn, »aber ich werde heute abend gegen zehn Uhr wieder hier sein, um der Patientin, falls die Atmungsbeschwerden sich steigern sollten, ein paar Stunden Schlaf zu verschaffen.«
Otten reichte ihm die Hand. Sein Auge ruhte für Sekunden auf dem Gesicht des Arztes, als ob es dort mehr zu lesen gäbe. Dann ließ er die Hand fallen. »Haben Sie Dank.«
»Auf Wiedersehen.«
Otten grüßte, wandte sich um und ging an den Freunden vorbei, die hinter ihm dreinschauten, bis er die Treppe hinauf war, und auch dann noch horchten, bis sie die Türe seines Zimmers ins Schloß gleiten hörten.
Er konnte nicht sofort in die Schlafkammer gehen. Mitten im Zimmer stand er, mit weit geöffneten, ungläubigen Augen, und sein Kopf wiederholte sich beständig die Worte des Arztes. »Es ist Gefahr — es ist Gefahr.« Das war ja nicht auszudenken. Das mußte einen anderen betreffen, nicht ihn. Nicht ihn und Maria. Sein Gesicht verzog sich, daß es um Jahre älter erschien, seine Augen suchten ratlos in allen Ecken. Und wieder arbeitete sein Gehirn, daß es ihn schmerzte. Bei Gott, der Arzt war hier gewesen, der Arzt hatte gesprochen, von Maria gesprochen, es ließ sich nicht aus der Welt schaffen, was er gesagt hatte, Maria war in Gefahr. Maria ...? War es denn möglich, daß sie ihn allein lassen wollte? Wie das? Hatte er sie nicht allein gelassen und es alle die Jahre gewünscht, daß er allein bliebe? Aber das war doch gewesen! Was hatte das Gestern mit dem Heute zu tun? Was waren ihm alle die Jahre? Was bedeuteten sie für ihn? Nur eines hatte noch Geltung. Das, was geschehen war, seit er sie wieder hatte.