Die Dämmerung rührte die Stadt an. Die Gassen und Straßen wichen wie hinter einem Schleier zurück. Nur die Türme hielten stand und bildeten weithinaus die Wahrzeichen, in langem Sichelkranz die erhabene Masse des Domes flankierend. Hellebardiere im Dienste der Majestät.

Die Kleine seufzte. Ihr zweiter Begleiter, der sich aus seiner Träumerei nicht herausgerührt hatte, fuhr hastig herum.

»Ist dir kalt?«

Sie schüttelte den schwarzen Lockenkopf. Ein feuerrotes Seidenband trug sie durch das Haar gezogen.

»Hach, es is so schön ...« Und nach einer Pause: »Ich kann alle Türm’ zählen. Und jeder Turm weiß eine Geschichte. Ich möcht’ sie alle kennen ...«

»Frag mich,« bat der andere und strich sich das rötliche Haar unter den Hutrand.

Der Buntbemützte maß ihn mit dem Blick des Patrizierjungen. »Du weißt doch höchstens in eurer Synagoge Bescheid!«

»Hab’ ich dich gefragt oder den Moritz?« fuhr das Mädchen auf.

»Frag mich nur,« sagte der ältere. Er war blaß geworden und sah unruhig auf das Mädchen. »Der Laurenz kann ja nach Hause gehen, wenn’s ihm hier nicht paßt.«

»Geh du doch. Immer drängst du dich uns auf. In Sekunda wollen sie dich wohl nicht?«