»Doch so!«
Kaum vermochte sie zu atmen, so fest hatte er sie an sich gezogen. Aber sie rührte sich nicht an seiner Brust. Sie lag ganz still, als läge sie so Abend für Abend. Und schloß die Augen vor seinen Liebkosungen.
»Bist du müde?« fragte er.
Sie verneinte lächelnd. »Aber du wirst müde sein. Die lange Fahrt, das Konzert, die Freunde —«
»Ich werde dir alles erzählen.«
»Morgen. Ein andermal. Du bist jetzt müde.«
»Ach du,« sagte er, »diese selige Müdigkeit.«
Den Arm um sie gelegt, wanderte er mit ihr durch das Gemach, trat er mit ihr in das Nebenzimmer.
»Hier hast du gesessen,« sagte er und stand vor ihrem Sessel still, »und auf mich gewartet. Wie oft hab’ ich dich, wenn ich herdachte, hier sitzen sehen. Immer wollte ich eine Pause machen, immer mir Urlaub geben und ihn bei dir verbringen. Aber das rebellische Blut jagte mich immer wieder in den Strudel ... Setz dich hin,« bat er und zog den Sessel heran, »so wie du all die Tage gesessen hast. Du sollst spüren, daß es heute anders ist. Nein, nein, ich will mich auf den Teppich legen, mich recken und strecken, den Kopf in deinem lieben Schoß. Weshalb vergönne ich mir das so selten ... ich bin selber mein größter Feind.«
Sie beugte sich zu ihm nieder und legte ihm ihre kühle Hand auf die Augen. »Joseph, hör mich einmal an. Wenn du dich anklagst, um mich zu trösten — das brauchst du wirklich nicht. Ich gehöre dir doch nun schon zwölf Jahre. Meinst du denn, ich wäre in dieser langen Zeit so klein geblieben, daß ich nicht einen Unterschied zu machen verstände zwischen dir und anderen Männern, die Frauen haben? Ich bin mit sehenden Augen in mein — ja, in mein Glück gegangen. Denn wenn ich alles überdenke und vergleiche, so ist es mein Glück. Ich hätte nie einen anderen Mann liebhaben können als dich. Schön, wenn du es hören willst: andere Männer mögen mehr Tugenden haben, was man so Tugenden nennt. Aber dafür sind sie auch nicht — der Joseph Otten. Sieh, das verstehe ich. Und weil du der Joseph Otten bist, da muß ich wohl auch — deine Fehler liebhaben.«