»Carmen — —! Carmen!«
Frau Maria, im weichen Morgenrock, rüttelte lachend das Kind.
»Siebenschläfer, willst du denn heute gar nicht aufstehen? Es eilt nicht mit der Schule? Und der Vater? Willst du auch nicht den Vater begrüßen? Der wird aber einen schönen Begriff von seiner Tochter bekommen.«
Das Mädchen saß aufrecht im Bett. »Der — Vater?« Verwundert rieb es sich die Augen, besann sich, warf die Decke zurück und sprang aus dem Bett. »Der Vater ist da?« jubilierte es. »Schnell, Mutter, bring mich zu ihm!«
»Erst den Schlaf aus den Augen waschen. Frisieren und fix und fertig anziehen. Der Vater soll doch sehen, was für ein Fräulein seine Tochter geworden ist.«
»Mutter, das dauert so lange. Gelt, du hilfst mir schnell.«
Das zwitscherte und lachte in der Giebelstube in einem Wettstreit, als wäre Frau Maria über Nacht auch zum Kinde geworden. Eine Viertelstunde später standen sie in der Türe zum Wohnzimmer, beide in kaum verhaltener Erregung. Joseph Otten saß im Sofa, die Morgenzeitung in der Hand. Der Frühstückstisch war gedeckt, und die Blumen auf dem Tisch schufen ein farbenfrohes Bild.
»Vater ...,« sagte die Kleine zag. Und dann ein Ruf in ausbrechender Freude: »Vater!«
Sie stürmte das Sofa, mit einem Schwung war sie auf seinem Schoß, zerknitterte die Zeitung, küßte sein Gesicht, wohin sie traf, schrie ihm in die Ohren und kuschelte sich aus einem Arm in den anderen. Und er hob sie hoch und wiegte sie in der Luft, daß die langen, schwarzbestrümpften Kinderbeine Halbkreise beschrieben. »Wildfang, Wildfang! Ja, du lebst, das spür’ ich.« Frau Maria aber war in der Tür stehen geblieben und rief Worte in den Tumult, die keiner verstand. Dann reichte er ihr das Kind und ließ sich mit einem Seufzer des Behagens in die Sofaecke fallen. »Nun alle heran, jetzt wollen wir uns stärken.«
Das Mädchen verlangte neben dem Vater zu sitzen. »Das ist der Platz der Mutter,« verteidigte der Vater das Recht der Hausfrau. Aber Frau Maria ergriff für die Tochter Partei. »Heute ist Carmen an der Reihe.« Und sie zog sich schnell zurück, um den Kaffee aus der Küche zu holen.