»Weshalb bist du nicht schon gestern morgen gekommen, Vater? Heute muß ich den ganzen Tag in die Schule.«

»Ich bitte sehr um Verzeihung, mein Fräulein, daß ich das versäumte. Dafür bleibe ich jetzt aber recht lange bei dir. Wenn die Mutter mich behalten will.«

»Ach, die Mutter!« plauderte das Mädchen und warf Frau Maria einen raschen Blick zu. »Der könntest du gar keinen größeren Gefallen tun. Sie braucht dann doch nicht immer allein zu sein, wenn ich in der Schule bin.«

»Weshalb geht sie denn nicht spazieren?«

»Ohne seinen Mann kann man doch nicht spazieren gehen.«

»Jetzt wird aber Kaffee getrunken, Carmen,« sagte Frau Maria energisch. »In fünf Minuten mußt du auf dem Schulweg sein. Heute mittag kannst du mehr erzählen.«

Das Mädchen blickte von der Seite den Vater an, streichelte ihm heimlich den Ärmel und aß in Hast das Frühstück. In Mantel und Pelzmütze, die Schultasche am Arm schlingernd, fiel sie noch einmal über die Eltern her. »Ruhig, Carmen, ruhig,« mahnte Frau Maria. »Gott,« sagte die Kleine, »ich hab’ doch fast nie was von euch.« Dann stürmte sie davon. Otten war ans Fenster getreten, öffnete es und beugte sich hinaus. Er verfolgte sein Kind mit den Blicken, bis es in die Nebengasse eingebogen war. Als er das Fenster wieder geschlossen hatte und an den Tisch zurückkehrte, lag ein nachdenklicher Ernst auf seinem Gesicht.

Eine Zeitlang saß er ruhig in seiner Sofaecke, faltete und glättete an dem Zeitungsblatt, zog die Augenbrauen hoch und summte vor sich hin.

»Die Kleine ist groß geworden,« sagte er plötzlich.

Frau Maria nickte ihm zu.