»Dumm scheint der Racker auch nicht zu sein,« fuhr er fort. »Sie kommt jetzt in das grüblerische Alter, in dem sich Kinder über Sein und Nichtsein des Storches unterhalten. Wer weiß? Vielleicht ist sie schon weiter.« Er wartete. »Maria.« Sie sah ihn an. »Was meinst du dazu, Maria?«
»Es ist so, Joseph.«
»Hm. Also es ist so. ... Und eines Tages wird sie mit Fragen kommen, die die Mutter gern beantworten möchte und nicht kann. Das würde der Mutter, wie ich sie kenne, schwere Stunden bereiten, und dem Kind ungesundes Kopfzerbrechen.«
Durch die Stille des Zimmers gingen die Atemzüge der Frau — —.
»Ja, Maria, ich bin doch nun schon im Schwabenalter. Vor mir selber kann ich den Fünfundvierziger nicht mehr verleugnen, höchstens vor der Welt.« Er spielte mit den Tischtuchfransen. »Wie denkst du darüber?«
»Über — was?« sagte sie gepreßt. Das Herz schlug ihr bis in die Kehle.
Er zupfte an den Fäden. Eine Pause nur von Sekunden, und doch wollten sie nicht verrinnen. »Ich gehöre zwar eigentlich unter Kuratel,« versuchte er zu scherzen, »aber dann ist es schon besser, ich geb’ mich von vornherein in sichere Hände. Du würdest es mich nicht fühlen lassen, Maria.«
Er prüfte noch immer das Gewebe der Decke, und er gewahrte nicht, wie ihre Hände in ihrem Schoße zitterten.
»Ein Kind hat ein Recht auf Schutz. Es darf keinen Unterschied verspüren zwischen sich und den anderen, oder es kriegt eine wunde Stelle fürs Leben mit. Wenn man selber jung ist und seine Leidenschaft über Kirche und Rathaus springen läßt, bedenkt man das nicht. Man freut sich, daß man den Sprung über die Philisternasen mit Grazie vollzog. Kindern ist solche Elastizität aber versagt. Sie haben eines Tages die Kosten zu bezahlen. Wenn ich annehme, daß ein Mensch es wagen könnte, unsere Carmen über die Achsel — Oho! Gibt’s nicht. Wird’s nicht geben. Wollen wir unsere Angelegenheit formell in Ordnung bringen?«
Nun schaute er auf, und die tastende Verlegenheit wandelte sich jäh in Überraschung. »Maria!«