»Carmen!« rief Otten. »Die heilige Familie muß doch beisammen sein.« Und er hob sie auf den Schoß und ließ das große Mädchen auf seinen Knien reiten. Aber trotz seines Spottes, er fühlte sich warm und wohl. Und täglich, wenn es dämmerig wurde und er die Bücher schloß, in denen er studiert hatte, wenn er am Klavier saß und in die Dämmerung hineinphantasierte, während draußen der Nordost an den Fensterläden rüttelte, wenn er zu Tisch gerufen wurde und er nachher, Frau Maria im Arm, im Sofa lehnte und oft auch von der abenteuerlichen Welt berichtete, wiederholte er es sich und der dankbaren Frau: »Das Beste ist, zu Nest geflogen zu kommen.« — — —

Zuweilen war er mit Heinrich Koch zusammen, der sich aufs neue einen langjährigen Urlaub von der Kirchenbehörde erwirkte, um in Rom, in den vatikanischen Archiven, an der Geschichte der katholischen Kirche weiter zu schreiben. »Wenn man Kirchenhistoriker ist,« pflegte der Gelehrte zu sagen, »gerät einem ein Schuß fröhlichen Heidentums ins Blut. Das macht für den geregelten Kirchendienst unbrauchbar. Die Geschichte erkennt kein Dogma an.«

Selten traf er Terbroich. Das verkappte Jesuitentum war ihm widerlich.

Frau Maria ging nach wie vor den Erfordernissen des Hausstandes nach. Sie genoß die Stunden und Tage, die ihr die Gegenwart des geliebten Mannes schenkte, wie Feste, die kommen, damit man lange an ihnen zehrt. — — —

Der Rhein führte Hochwasser, und die Kinder liefen ans Bollwerk, um die Eisschollen schwimmen zu sehen. Ein paar warme Tage lösten die Regenzeit ab. Die Wasser beruhigten sich, und die Schiffahrt wurde wieder eröffnet. Mit vollen weißen Segeln zogen die Schiffe zu Tal, vorüber an Kölns altersgrauen Mauern und Türmen. Unter Volldampf brachten kleine, muntere Dampfer die langen Schlepperzüge zu Berg und grüßten die Stadt mit einem gellenden Pfiff.

Joseph Otten stand oft am Kai und blickte ihnen nach. Wenn Segel und Rauch verschwunden waren, fuhr er auf, als hätte er hinter ihnen hergeträumt. Dann ging er schnell nach Hause, scherzte mit Maria oder übte stundenlang mit seinem Töchterchen am Klavier, wenn sie aus der Schule heimgekehrt war.

Aber immer öfter stand er am Kai, immer länger schaute er hinter den Schiffen her, und wenn er sich endlich mit Gewalt losriß, war sein Schritt müde und sein Auge ohne Glanz.

Abends, in den heimlichen Stunden mit Maria, begann er plötzlich aufgeregt zu erzählen. »Jetzt ist es im Süden Frühling. Der Ätna hat einen saftiggrünen Gürtel umgelegt. Auf Capri blühen die Rosen. Das Meer ist wie ein Türkis, und der Seewind trägt berauschende Blumendüfte von der Küste. Ja — davon weiß man in Köln nichts — — —.«

Frau Maria hatte die Veränderungen von ihren ersten, flüchtigen Spuren an bemerkt. Sie hatte es erwartet, und deshalb schmerzte es nicht. Wenn sie Schmerz verspürte, so war es, weil sie den Mann sich quälen sah, über sein Blut Herr zu werden. Und sie sah, daß er unterlag und sich dennoch wehrte.

Er las ihr einen Brief vor, den er von Heinrich Koch aus Rom erhalten hatte. »Sonnentage in der Campagna. Das blüht und schwelgt, als wäre die Welt noch nie so schön gewesen.«