»Du hast ja — überraschende Geschichtskenntnisse,« stammelte Lachner.
»Die hab’ ich mir extra dir zu Ehren eingepaukt, weil du so sehr unseren Verkehr suchst.«
»Euren — Verkehr?«
»Zankt euch doch nachher,« rief die Kleine ungeduldig und trippelte nervös auf den Mauerquadern. »Was ist das mit den elftausend Jungfrauen?«
Und dienstfertig belehrte Moritz Lachner: »Sie liegen zu Sankt Ursula. Im Norden der Stadt. Von hier aus kannst du das uralte Kirchlein nicht sehen. Es war ein Heidenprinz, der wollte die Tochter des Königs von Britannien zur Frau oder das Land mit Krieg überziehen. Da sagte sich die fromme Ursula ihm zu, aber unter der Bedingung, daß er Christ würde und sie mit elftausend Jungfrauen des Landes eine Wallfahrt nach Rom machen dürfe. Als sie aber vom Papst zurückkam und in Köln landen wollte, das von den Hunnen belagert wurde, wurde sie mit allen ihren Begleiterinnen von dem wüsten Heidenvolk erschlagen.«
»Gewiß, weil sie die häßlichen Soldaten nicht heiraten wollten.«
»Wenn sie nicht einen Prinzen zum Bräutigam gehabt hätt’, hätt’ sich die Ursula wohl nicht besonnen,« warf Laurenz Terbroich skeptisch ein. »Darin sind sich alle Mädchen gleich.«
»Ja, einen Prinzen — —,« sagte die Kleine gedehnt und sah den hübschen, vornehmen Jungen mit flimmernden Augen an.
»Soll ich weitererzählen?« fragte Moritz Lachner hastig. »Dort drüben, am Neumarkt, liegt Sankt Aposteln. Eine arme Rittersfrau hatte Zwölflinge bekommen —«
»Er lügt,« sagte Laurenz Terbroich, »Zwölflinge kriegen nur Kaninchen.«