»Schauen Sie,« sagte er leise und berührte des jungen Malers Knie, »vor solch einer Gottesschöpfung kann man gar nicht kleinlich werden. Man sollte die Sektierer in der Kunst hierher führen.«
»Und dort haben Sie das Volk, Herr Doktor, unverändert durch die Jahrhunderte!«
Die Wagen hielten vor einer Osteria, der Faccia fresca, deren Lauben von schmausenden und trinkenden Menschen besetzt waren, lustigen Kleinbürgern mit ihren Schönen, braunen Bewohnern der Campagna, abenteuerfrohen Jüngern der Kunst. Bänkelsänger schmetterten ihre Arien in das Stimmengewirr, Gitarre- und Mandolinespieler rissen an den Saiten, dunkeläugige, kecke Mädel in bunter Volkstracht, die wochentags auf der spanischen Treppe ihre Maler erwarteten, rasselten mit dem schellenbesetzten Tamburin. Dazwischen das Aufkreischen einer Schönen, der zu handgreiflich der Hof gemacht wurde, ein wilder Wortwechsel, ein Aufhorchen ringsum — und aufs neue Stimmengewoge, Gläser- und Tellerklirren, zerflatternde Arien, Mandolinengeseufze und rasselndes Tamburin.
Die Gesellschaft hatte sich einen Tisch erobert. Das Mahl wurde bestellt und nach wenigen Minuten serviert. Platten dampfender Spaghetti, gebratene Hühner, Salatschüsseln, Obst und Käse. Dazu der begnadete Weißwein der Castelli Romani. Man trank sich zu, von einem Tisch zum andern, man bestellte eine neue Romanze, die Musikanten wurden an den Tisch gerufen und die augenblitzenden Tamburinschlägerinnen um die Mitte genommen. Die Lebensfreude flammte auf. Einen wilden Juchzer sandte Otten in die sonnenzitternde Luft. »Jugend, du meine Jugend, ich halte dich!«
»Weiter, immer weiter, ins Glück hinein! Man lebt nicht umsonst auf römischem Boden!«
Die Landauer fuhren vor. Die Musikanten gaben den Herren das Geleit. Und weiter trabten die Karossiers, unwillig, sich nicht auch im Feuer der Jugend zeigen zu können. Aber die Passage wird enger. In langer Reihe rollen die Equipagen der römischen Gesellschaft einher. Mitten unter ihnen Droschken voll geputzter Stadtleute. Die Via Appia ist zur Korsostraße geworden, voll Leben und Eleganz. Fächer winken von hüben und drüben, beringte Händchen, offen, heimlich, zögernd und temperamentvoll. Näher schwingen sich die Albanerberge. Die helle Februarsonne funkelt in den Fenstern von Frascati, von Albano. Eine Stunde lang geht’s vorwärts. Verwundert starrt die erhabene Trümmerwelt zu beiden Seiten der Straße auf das sonderbare Menschenvolk, das jetzt nur noch Auge und Ohr für seinesgleichen hat. Da winkt das neue Ziel, ein weißes Gebäude, die Osteria Antica. Auf dem abgeplatteten Dache, auf der Diele, auf den Treppen sitzen römische Kleinbürger Kopf an Kopf. Ein Wagenpark umgibt die Schenke. Neu anfahrende biegen zur Seite und stellen sich am Straßenrande auf oder lenken in die Wiesen. Die Kellner in Hemdärmeln laufen mit Flaschen und Gläsern, in die sie die Finger stecken, Ungeduldige spielen selber den Kellner, erhandeln am Weinschank die gefüllten, strohumwundenen Flaschen, Laibe Brot, Stücke saftigen Schinkens oder riesenhafter Salami, deren Duft nach dem Orient weist. Männer trinken und Frauen, die Ammen geben den Säuglingen die Brust, die Kutscher kneipen und die Herrschaften. Und des Schreiens und Gestikulierens ist kein Ende. In der Ferne eine Staubwolke, die größer und größer wird. Räder tauchen auf, die sich in rasendem Tempo drehen. Vornweg vier Pferdebeine, die sich krampfhaft zusammenziehen und auseinanderschnellen. Jetzt saust es heran — ist vorüber! Der Applaus des Publikums hinterdrein.
»Das war die eccellenza,« sagte der junge Maler. »Sie kutschiert selbst.«
Otten war es, als hätte ihn ein heißer Blick gestreift. Er lachte. Dann sah er sich nach den Gefährten um, die sich unter die Menge mischten, blind für alles, was nicht Römerin war. »Donna è mobile ...« summte er vor sich hin, gewann den Ausgang und schlenderte die Straße entlang ...
Eine Viertelstunde war er gewandert, als er den Wagen zurückkommen sah. Der silbergeschirrte Grauschimmel streckte die Beine in ruhigem Trab. Nachlässig hielt die Lenkerin die Peitsche. Jetzt gewahrte sie den Spaziergänger. Sie setzte sich aufrecht, daß die Büste das graue Fahrkleid spannte, zog die Zügel heran und hielt. Eilig sprang der knabenhafte Groom vom Rücksitz und nahm das Pferd beim Kopf.
»Sieh da, der maëstro — —!«