Als der Zug in Airolo hielt, dachte er einen Moment daran, auszusteigen. Der Bergriese schien sich höhnisch vor ihm aufzurecken, der Eingang zum Tunnel schien ihm der Höllenschlund, und von der Steinwand flimmerte es ihm entgegen, ein Hexensabbat feuriger Buchstaben, die er mühselig in eine geordnete Reihe zu bringen trachtete, bis er den Schreckensspruch aus Dantes Göttlicher Komödie entzifferte: Laßt jede Hoffnung hinter euch, die ihr eintretet ...
»Ich hätte nicht reisen sollen,« murmelte er. »Man verläßt Rom nicht um einer Laune willen, wenn man nicht weiß, wann und wie man es wiederfindet.«
Der Zug fuhr langsam durch den Bauch des Berges, der zwei Welten trennt und verbindet. Und wieder wurde es Licht. Göschenen ruhte friedlich im Winterkleid.
»Sieh da,« sagte Otten zu sich und rieb sich die Augen, »hinter dem Berge wohnen auch Leute. Und es fährt sich genau so leicht von Göschenen nach Airolo wie von Airolo nach Göschenen. Diesen Beweis gedenke ich anzutreten. Freute sich nicht schon Till Eulenspiegel deshalb so unbändig, wenn er einen unangenehmen Berg heraufkraxelte, weil ihm nachher der liebliche Rückweg winkte? Till, heute fühle ich mich dir geistesverwandt. In diesem Sinne sei’s gewagt!«
Aber in Basel beredete er sich dennoch, eine Fahrtunterbrechung eintreten zu lassen. »Zwei Nächte im Schlafwagen sind nicht unbedingt notwendig, wenn man an keine Zeit gebunden ist. Morgen mit dem Frühzug reise ich frischer.«
Die Grenze hatte aufs neue ernüchternd auf ihn gewirkt.
»Ich komme als Gatte und Vater,« ironisierte er, als er im Hotelbett den Morgen erwartete. »Noch dazu als Vater einer Tochter, die mit ihren fast vierzehn Jahren Anforderungen an das erzieherisch wirkende väterliche Beispiel zu stellen berechtigt ist. Ist das wirklich schon der Zeitpunkt, an dem eine Etappe — und nicht die häßlichste des Lebens — wiederum als abgeschlossen zu betrachten ist? Während man sie noch bis ins Unendliche verlängern möchte? Während man Blut und Mark noch ganz anders spürt als in den grünen, unkundigen Jünglingstagen? Während man jetzt erst — jetzt erst so recht — verstehen gelernt hat, was es heißt: Und setzest du nicht dein Leben ein, nie wird dir das Leben gewonnen sein? — —! Joseph, du stehst am Scheidewege. Unvorbereitet wie immer, und wie du es früher liebtest. Ihr guten Götter, helft! ›Das Schlimmste und das Dümmste, das trag’ ich geheim in der Brust!‹« — —
Die Beklemmung, die ihn befallen hatte, war nicht gewichen, als er sich am Morgen erhob. »Wenn ich erst den Rhein sehe, wird’s besser werden,« tröstete er sich.
Wieder schaute er zum Wagenfenster hinaus, Stunde für Stunde, und wieder eilten seine Gedanken rückwärts statt vorwärts. Dann zwang er sich, an Maria zu denken, an ihre stillen, vor Freude glänzenden Augen, an den Jubel des Kindes. Heiß stieg es in ihm auf. Er hatte ihr eine andere Stimmung ins Haus zu tragen. Resignation war daheim zur Genüge aufgespeichert. Lachen sollte durchs Haus schallen, das Lachen von drei Menschen, jungen, jung gebliebenen. Selbst der Brummbaß des alten Klaus erhielt eine veredelnde Note. So mußte es sein, so sollte es werden. Eine fröhliche Stunde in Köln — und der Bann war gebrochen. Ja, das war’s. Noch einen freien, fröhlichen Abend der Vorbereitung, der Akklimatisierung. Und dann — ins alte Geschlechterhaus, in die Rheingasse.
Vom Mainzer Bahnhof gab er eine Depesche auf. »Medardus Terbroich, Köln, Ringstraße. Ankomme sieben Uhr mit Basler Schnellzug. Hole mich Bahnhof ab. Joseph Otten.«