»Ich glaub’ fast — mein Schiff — trägt unsichtbar schon — den Heimatswimpel. Es muß ins Dock.«

Er starrte in den Wasserstrudel. Es überlief ihn kühl.

»Aber nicht abtakeln. Jung bleiben. Wiederkommen.«

Er warf über die Schulter ein Geldstück in das flutende Wasser. »Es ist ein alter Aberglaube,« dachte er, »und wer von dem Wasser trinkt, den zieht die Trevinixe zurück. Es ist gewiß schön in der Heimat, und man kann in Frieden alt und grau dort werden — —. Aber ich will doch lieber trinken.«

Er beugte sich über den Beckenrand und trank ein paar Tropfen des niederströmenden Wassers.

»Ich komme wieder.«

VI

Joseph Otten hatte Rom ohne Abschied verlassen. Nur Heinrich Koch hatte er durch ein lakonisches Billett, das nichts als die Worte enthielt: »Ich werde doch wieder einmal nach Köln gehen,« lebewohl gesagt. Als er sich um neun Uhr Abends in seiner Schlafwagenkabine zur Ruhe ausstreckte, tat er es mit dem Gefühl eines Mannes, der nichts sehnlicher wünscht, als zehn Stunden lang einen solid bürgerlichen Schlaf zu tun. Der Wunsch ging ihm in Erfüllung. Traumlos schlief er wie in der Knabenzeit nach einer langen Fußwanderung. Beim Erwachen fand er sich nicht gleich zurecht. Er machte Toilette, trat auf den Gang hinaus und öffnete ein Fenster. Der Zug fuhr durch eine Station. Otten erhaschte den Namen. Es ging auf Mailand zu. Und auf einmal überkam es den Mann wie eine Schulbubenfreude, heimzureisen, während sich die Zurückgebliebenen den Kopf zerbrachen.

Die Freude währte noch an, als der Zug Mailand verlassen hatte und den Como- und Luganosee passierte. Die Vorfrühlingssonne lag in glänzenden Streifen auf dem Gewässer. Dann umfing den Eilzug die Alpenregion. Ohne Übergang fast war es wieder Winter geworden.

Unruhig sah Joseph Otten zum Fenster hinaus. Vor ihm baute sich die majestätische Scheidewand des Gotthard auf. Schneebedeckt lagen die Joche, unheimlich glitzernd die Eisfelder. Und unaufhaltsam, immer tiefer ging es hinein in die totenstille Winterwelt. Eisige Kälte drang dem unruhigen Beobachter ins Blut, und doch war es warm im Speisewagen, in dem er sich zum Mittagessen niedergelassen hatte, und der rote Neufchâteler, der vor ihm im Glase funkelte, feuriger Art. Aber ein unerklärliches Angstgefühl war nicht zu bannen. »Was, Teufel,« dachte der Mann, »treibt dich vom Frühling hinweg in den grauen deutschen Winter? War es bisher nicht immer umgekehrt der Fall? Wenn man achtundvierzig Jahre zählt, ändert man nicht ungestraft seine Gewohnheiten.«