»Ich hatte schon kommen wollen. Besonders, als ich gestern eine Depesche in der ›Kölnischen‹ las, daß du auf dem Feste beim Botschafter der Gegenstand großer Ovationen gewesen seiest. Das muß famos sein. Deine Ovationen sind Herzenssache. Und so ein römisches Herz — Hand drauf, Joseph, das nächste Mal!«

»Du bist ein Geck,« sagte Otten lachend. »Klär dir dein Terrain selber auf.«

»Ich habe so viele Rücksichten zu nehmen. Ich bekleide so viele Ehrenpöstchen. Da darf man sich nicht zu sehr exponieren. Aber auch im Schatten läßt sich’s tafeln. Es muß eben einer die Rolle der spanischen Wand übernehmen. Na, Joseph, das sollen jetzt schöne Tage werden, und der Karneval steht auch vor der Tür.«

»Da meldet er sich schon.«

Auf dem blauen Postbriefkasten, der an einem der Häuser hing, thronte ein kleiner Junge, klapperte mit seinen Holzpantinen gegen die Hauswand und sang aus vollem Halse. Ein paar andere, die kaum in den ersten Holzpantinen zu Hause waren, sprangen wie Stehaufmännchen um den Briefkasten herum und jauchzten das Lied mit.

»Fastelowend kütt eran ...!«

»In vierzehn Tagen,« sagte Medardus Terbroich und strich sich schmunzelnd Schnurr- und Spitzbart. »Komm, wir gehen über die Schiffsbrücke.«

Es war ein abendliches Gewimmel. Fabriken und Kontore hatten Feierabend gemacht, und über die Schiffsbrücke zog es wie eine lange, schwarze Prozession. Am Zahlhäuschen staute sich ein Knäuel. Die Hintenstehenden drängten. In der Ferne hatte ein Dampfer gepfiffen, und das Mittelstück der Brücke sollte ausgefahren werden. Die schon auf der Brücke standen, setzten sich in Trab, um trotz des Geschimpfes der Brückenbediensteten noch hinüberzukommen. Am Zahlschalter, an dem das Brückengeld in Empfang genommen wurde, wetterte ein Handlungskommis über die langsame Abfertigung. »Ärgere dich nit, Mensch,« meinte das Billettmädchen gelassen, »et schadet deiner Schönheit.« Ein Schmunzeln ging durch die lange Reihe. »Dich möcht’ ich lew hann,« sagte der Nächste am Zahlbrett. Und prompt kam die Antwort: »Ha, das glauben ich auch!«

In einer Seitengasse, die auf den Domplatz mündete, machten die Freunde halt. »Hier hinein?« fragte Terbroich, und Otten bejahte. Es war ein altes, unscheinbares Haus. Auf der Diele wurden Fässer gerollt, die leeren seitlich aufgetürmt, die vollen auf Bänke gehoben und eilig angezapft. Übertriebene Höflichkeit wurde nicht geübt. Wirtsleute und Bedienung verließen sich auf die werbende Kraft ihres Stoffes.

Das lange, schlauchartige Lokal war dicht gefüllt. Im Hintergrund hatten die Seßhaften Platz genommen, Stammgäste, die einen Jahresnachweis führen konnten, eingeborene Bürger, Beamte jeder Rangklasse. Im Vorderlokal saßen die Passanten, die nur auf eine oder zwei Schoppenlängen vorsprachen und sich dazu durch ein Röggelchen mit Holländerkäse stärkten. Standesunterschiede wurden nicht beliebt. Der Dienstmann rückte seinen Stuhl neben eine Magistratsperson, der Mann in der Arbeitermütze trank neben dem Mann im Zylinder. Dicker Zigarrenrauch schwamm in wolkigen Schichten über den Köpfen. Die Schankburschen in blaugestricktem Kamisol, Schurz und Lederriemen drückten sich durch die Stuhlreihen, ersetzten die leeren Schoppen schleunigst durch gefüllte und ließen keine Stockung im Betrieb aufkommen. Und hinter dem kleinen Büfett thronte auf einer Estrade die dicke Wirtin mit einer Gemütsruhe, als pflege sie von ihrer Höhe aus Gnadenerlasse zu erteilen. »Der Herr möchten zahlen, Pitter.«