»Unweiblich?«

»Was wir Frauen heute unweiblich nennen. Dem Gefühl nachgehen, statt dem Beruf. Weiblich oder unweiblich, Georg, ich mußte dem Gefühl nachgehen, selbst auf die Gefahr hin, rettungslos für die Sache der Frauen verloren zu sein. Ich mache wieder die Sache des Mannes zu der meinigen. Meines Mannes.«

Er strich ihr übers Haar, um Zeit zu gewinnen, sich zu sammeln. »Wir wollen uns in die Augen schauen, Helene. Ich danke dir für diese Stunde. Aber wirst du sie nicht bereuen? Ein zweites Mal könnt’ ich dich nicht loslassen.«

»Du hättest mich schon das erste Mal nicht loslassen sollen. Und wenn ich darunter gelitten hätte. Ich hätte es bei dir verwinden gelernt. Ich weiß, du wolltest mir meine Begeisterung nicht rauben, du wolltest mich nicht traurig sehen und den Gedanken nicht in mir aufkommen lassen, als gäbe es etwas auf der Welt, was ich versäumt hätte. Ein persönliches und geistiges Gehobenwerden, Triumphe der Kunst, die mehr noch sind, als Kunstgenießen. Ach, Georg, dazu muß man geboren werden, dazu muß man sich schulen, bevor man die andere Sonnenseite des Lebens kennt. Ich hatte sie schon zu sehr kennen gelernt. Durch dich. Und daher glaubte ich, alle Kunstverkünder müßten so groß und rein und heiter sein. Nein, nein, nein, ich bin geheilt von dem Irrtum, der durch die Welt geht. Ja, wenn ich auf der Bühne stand und sang, wenn ich fühlte, wie das Publikum mir an den Lippen hing und dann der Beifall losbrach! Das waren Minuten des Rausches, dem wohl keiner gleichkommt. Aber für die wenigen Minuten des Rausches Stunden, Tage, Wochen der Ernüchterung. Schon wenn ich in die Kulisse zurücktrat und der Vorhang sich senkte und die Menschen das Haus verließen, um gesellig und fröhlich zu sein, und ich mit einem Schlage vergessen war und allein – du, dann schon hätte ich den Triumph wieder herausgegeben. Und nachts lag ich wach in den Kissen und sehnte mich nach dir, nach meinem Heim, nach reiner Luft und rein klingendem Lachen. Am anderen Tage noch einmal ein Munterwerden. Wenn die Zeitungen kamen, die Kritiken. Obwohl man alles im voraus wußte. Der eine der beiden Kritiker hatte in dieser Saison eine Oper beim Direktor liegen, und der andere hatte die seine in dieser Saison zurückverlangt. Voriges Jahr war es umgekehrt. Also dasselbe. Und wenn ich gelesen hatte, schämte ich mich, und ich hatte ein Lob und einen Tadel und keinen Menschen, dem ich mich hätte an den Hals werfen können, daß er als Mensch zu mir redete. Und wieder auf die Proben gehetzt, wieder in die Garderoben, und wieder müde, bis in die Seele frierend, nach Hause geschlichen. Wie oft – täglich fast – schaute ich rückwärts und blickte in dein Zimmer, in dem wir wie glückliche Kinder Kunst genossen in der Schönheit, die wir ihr gaben, und durch dein Zimmer dort ins Speisezimmer, in dem in dem Korbe die Blumen standen und in einer Kristallschale die Früchte. Wie feig man wird. Feig vor dem Bekenntnis: ich bin in der Irre gelaufen. Und unterdes saß das Glück daheim, wo es immer saß, und wartete zusammen mit dem Frieden des Hauses geduldig.«

Sein Arm lag um ihre schlanke Hüfte.

»Nun warst du in der Welt, Helene. Jetzt kennst du ihre Rätsel. Und das ist dein größter Erfolg.«

»Wie schön es hier ist,« sagte sie, »wie still …«

»Es ist ein Frühlingsabend, Helene.«

»Ein Frühlingsabend … Aber noch ist es keiner der letzten. Morgen wird Frühling sein und noch viele, viele Tage. Ich bin noch nicht zu spät gekommen.«

Sie standen in der Balkontür. Ein feiner Duft kam durch die Nacht von frühen Kastanienblüten. Abendstille … Sie horchten hinaus, und es rief keine Stimme. Und sie schlossen sich enger aneinander an und horchten in sich hinein und erhorchten ein leises, feines Musizieren, das anschwoll und sie erfüllte und ihnen seltsame, stammelnde Worte auf die Lippen trug, die nur sie verstanden. – – –