Sie sprengte aus dem Tor und freute sich ihrer Kraft, mit der sie den Gaul in den Zügeln hielt. Der Schnee stiebte unter den eiligen Hufen. Fern an der Feldmark, die die Güter schied, gewahrte sie einen Reiter, der Ausschau hielt. Da setzte sich sein Pferd auch schon in langgestreckten Galopp. Und sie riß den Hut vom Kopf und winkte dem Reiter entgegen …

Giuditta Africana

Regungslos lag die See … Und regungslos das halbverfallene Städtchen, das hoch über ihr an der Felswand klebte, leeren Auges die Vergangenheit suchend. Unbewohnt stand die Hälfte der kastenartigen roten und weißen Häuser mit den abgeplatteten Dächern maurischer Bauart. Von der Sonne verblaßt, vom Regen zerfressen war die einst leuchtende Farbe. Die Geschlechter hatten sich nicht erneut zwischen den kahler werdenden steinernen Wänden, deren Quadern aus dem Felsenleib des einsam das Städtchen überragenden Sant’ Angelo gebrochen waren. Waren sie ausgestorben, so verfiel der Besitz. Wer wollte sich eine Last aufbürden! Sie hatten Platz genug in den eigenen Häusern, die immer weniger werdenden Einwohner von Positano.

Nur die Gärten kannten das Sterben nicht. Über saftgrün wucherndem Lorbeer und weißgesterntem wilden Myrtengebüsch hingen die Blüten des Granatbaums wie dunkelglühende Blutstropfen. Ein Zweigegewirr mischte sich träumerisch ein, niedergezogen von der Fülle reifender Zitronen, goldgelber Orangen. In schwärzlichem Grün zwischen ihnen strotzende Feigen und langgeschotet die Frucht des Brotbaums. Schon blühten die Rosen aus, aber wie grelle Teppichfetzen zogen sich Geranienbehänge über die lockeren Steine der Gartenmauern.

Tiefblau und regungslos, in gleichmütiger Schönheit, spannte sich der Sommerhimmel über Verfall und Leben, tiefblau und regungslos, in gleichmütiger Schönheit, lag die See. Nur in den verworrenen Felsschluchten des Strandes und drüben, zwischen den kleinen Inseln, die so schweigsam über das Meer lugten, seltsam grüne Flecke zeigend. Als hätte sie eine ausbrechende Unterströmung zurückgelassen.

Auf der Terrasse des Gasthauses stand ich als einziger Gast und blickte in die scheidende Sonne. Fern winkte in stolzem Linienschwung die Silhouette Capris, näher heran, in violettem Duft, das Gestade Sorrents, zu meinen Füßen, von der Abendglut purpurn geküßt, die kleinen, schweigsamen Eilande. Der Sarazenenturm auf der mittleren der Inseln schien in Flammen zu stehen.

Nicht ein Laut in der Luft. Totenstille. Aber ein Glühen in der Luft, das das Blut fieberhaft erregte und matt niedersinken ließ.

Über die Terrasse kam schlurfenden Schritts der Wirt. Lässig hob er die Arme über sich und pflückte Mispeln zur Abendmahlzeit.

»Schirokko, Herr.«

»Ich spür’ ihn. Wann wird er zu Ende sein?«