Er nahm sein Körbchen mit Mispeln auf, wischte sich noch einmal die glühende Stirn und schlurfte von dannen. Plötzlich blieb er stehen. Auch ich war aufgefahren. Beide horchten wir …
Dann wandte sich der Alte um und deutete zur Höhe. Eine längst verlassene Kapelle verfiel auf einem Felsvorsprung. Die Fensterhöhlen starrten ohne Glas aufs Meer. Und durch die Fensterhöhlen drang eine Stimme, die Fistelstimme eines alten Weibes, in den langgezogenen, schluchzenden Tönen eines Kirchenliedes. Die Stimme wuchs an zu leidenschaftlichem Anruf, zu sehnsüchtigem Schrei, und wieder erstarb sie in lang ausklingendem wimmernden Laut. Totenstille wie vorher. Die Stadt ohne Leben. Felsen und Meer schweigsam.
»Die verrückte Francesca,« lachte der Wirt.
»Weshalb ist sie verrückt?«
»Ja, Herr, weshalb? Die Madonna mag’s wissen. Es sind an die zwanzig Jahr’ – heut zählt die Francesca ihrer achtzig –, da kam das alte Weib und wollt’ einen Mord auf dem Gewissen haben. Und hat keiner Fliege was zuleide tun können. Sie war die Amme der schönen Giuditta gewesen, der ›Giuditta Africana‹, die den Männern von Positano ins Gesicht lachte, wenn sie ihr von Liebe sprachen, und die eines Tages mit einem blassen Deutschen auf und davon war. Herr, ein Weib! Sarazenenblut. Das verleugnet sich nicht. Sie können’s mir glauben, Herr.«
»Und die Francesca?«
»Die Francesca, ich sagte es schon, war ihre Amme gewesen und hatte auch nachher mit der Giuditta, die eine Waise war, zusammen gehaust. Erst dort oben, in dem alten maurischen Palast. Nachher im Sarazenenturm auf der Galli-Insel, weil die Giuditta keine Menschen wollte. Es war aber der Deutsche, Herr. An einem glühenden Sommertag – der Schirokko drückte wie heute auf Mensch und Tier – kam die alte Francesca in ihrer Barke herübergerudert. Dort unten, an der ehemaligen Marine, landete sie. Wie eine Wahnsinnige raste sie zum Pfarrer. Sie habe gemordet, die Giuditta, den Deutschen, was weiß ich, und die Leichen mit Steinen beschwert ins Wasser versenkt. Einen Brief trug sie bei sich, den las der Pfarrer. Und in dem Brief schrieb die Giuditta, daß sie mit ihrem Geliebten weit, weit nach Norden sei und nie zurückkehre. Die Francesca aber schrie und tobte und klagte sich an, und da der Pfarrer der Verrückten keine Absolution zu geben vermochte, ist sie für immer aus der Kirche gelaufen. Wenn Schirokko ist, flüchtet sie sich in die baufällige Kapelle und versucht Totenmessen zu singen. Das klagt die ganze Nacht. Hören Sie! Jetzt! –«
»Und man hat nicht sofort nachgeforscht? Nicht nach Leichen gefischt?«
»Herr, die verrückte Alte! Da war doch der Brief. Und dann, Herr, es war Schirokko. Da reißt sich keiner um unnütze Arbeit. Die Giuditta hätt’ sich ins Fäustchen gelacht. Ein Weib, Herr!«
Und er schlurfte, selbstgewiß vor sich hinnickend, ins Haus.