Kreischend, wie der Schrei eines Falkenweibchens, das sein Junges sucht, zog das Totenlied der alten Francesca über die stumpf dahindämmernde Stadt, über die zerklüfteten Felsen und das schweigende blaue Meer, das seitwärts der Inseln, dort, wo der Turm in der Abendsonne zu brennen schien, in seltsamen kristallgrünen Flecken schwamm.
Und schnell wie ein Vorhang senkte sich jäh die Nacht.
Kaum, daß ich einem Menschen begegnet war den ganzen langen Tag. Auf dem Sant’ Angelo wollt’ ich die Sonne sehen, wie sie fern aus Kalabriens Gründen heraufkam, von Zacke zu Zacke sich schwang und tief unten das Meer überschwemmte. Aber es war eine Erregung in mir, der ich keinen Namen zu geben verstand. Waren es die gigantischen Formationen, die bezwingenden Farben der süditalienischen Landschaft? War’s die Schirokkoluft, oder war’s die Vergangenheit, die aus Trümmern von Menschensiedlungen, aus Schluchten und Grüften groß und bannend die Augen aufschlug?
Niederzwingen, das erregte Blut bezwingen! An den Felsen klebend, mit Händen und Füßen das bröckelnde Gestein prüfend, tastend, kriechend, kletternd geht es mit hart klopfendem Herzen und perlender Stirn von Zacken zu Zacken, von Wand zu Wand. Starr blickt das Auge vorwärts auf den Stein, steif streckt sich das Knie, kein Zittern darf hindurch. Tiefer, tiefer hinab! Schon hör’ ich durch einen Steinkrater das Gurgeln der See, die sich verfangen hat. Ein Felsblock schiebt sich weit in das Wasser hinaus. Nun hab’ ich ihn! Ausgestreckt lieg’ ich auf der durchlöcherten Platte, auf der grüne Eidechsen, hin und her huschend, mit den Sonnenkringeln um die Wette spielen. Einsamkeit! – Und in die Einsamkeit hineingesponnen, greifbar fast aus dem Wasser zu mir auftauchend, dunkel und geheimnisvoll die Galli-Inseln. Der Sarazenenturm schaut herüber. Wir starren uns an …
Aber am Abend, schrill die lastende Stille der Versunkenheit durchschneidend, wieder das sehnsüchtige Geschrei der verrückten Francesca. –
Und der nächste Tag wie dieser. – –
Da bin ich hinaufgestiegen durch den dunkelvioletten Abend zu der verlassenen Kapelle, und die Erregung lief mit. In wildem Gebüsch bluteten Granatzweige. Ich schnitt sie ab und trug sie in der Hand. Wie die kühlen Blütenblätter beruhigten …
Die Totenmesse der Alten war beim leisen Wimmern angelangt. Durch das zusammengebrochene Portal sah ich den kauernden Körper. Die vorgestreckten Arme hielten eine schwere Kerze, deren Licht grell ein Gnadenbild beschien, halb von der schmutzigen Wand heruntergeblättert.
Noch einen tiefen Atemzug, und ich schritt hinein und sah mich nicht um nach dem aufschreckenden Weib und ging geradenwegs bis zu der Stelle, an der vor dem Freskobilde der Maria der Altar gestanden haben mochte. Es war Phantasterei, ich empfand es. Und doch mußte ich sprechen, als ob ich mit den lauten Worten ihrer ledig werden würde. Und die blühenden Granatzweige auf die Altarstelle legend, sagte ich laut in der Sprache des Volkes: »Zum Gedächtnis Giudittas und meines deutschen Bruders, die auf dem Meeresgrunde schlafen.«