Ich hatte die Achtzigjährige in der verfallenden Kapelle zurückgelassen. Als ich nach heißer Wanderung zurückkehrte, lag die Alte noch auf demselben Platz. Friedlich schlief sie. Und sie erwachte nicht mehr, als ich sie rüttelte.
Die Leute von Positano sträubten sich gegen das Begräbnis der Verrückten, die seit zwanzig Jahren wie eine Heidin gehaust hatte und nicht einmal zur Osterbeichte gekommen war. Da fragte ich nach ihrem Verwandten und fand einen alten Fischer. In der Nacht haben wir den leichten Körper ins Boot getragen.
»Schirokko,« sagte der Alte und wischte sich die glühende Stirn. Und ich dachte, als wir hinausruderten zu den Galli-Inseln, und der Sarazenenturm aus dem Dunkel stieg, an das schöne, einsame Weib, das ›Feuer im Blut‹ hatte von ihren Vorfahren her.
Dort, wo die grünen Flecke im blauen Wasser leuchten, haben wir die Leiche der alten Dienerin versenkt. Dort ruht sie auf dem Grunde zur Seite ihrer angebeteten Herrin, Giuditta Africana.
Auf der Fahrt nach dem Glück
Der Straße von Gibraltar zu steuerte ein Schiff. Rosenrote Streifen liefen über das Meer, leise zitternd, als ob die gewaltigen Wasser den Atem anhielten vor der Schönheit der untergehenden Sonne. Schon dunkelte es über der Küste Afrikas. Nur die weißen Häuser Tangers leuchteten aus den mit tiefen Schatten erfüllten Gebirgsfalten des kahlen Atlas. Spaniens Felsenküste rückte näher und näher. Im Norden wuchs, immer deutlicher erkennbar, das Löwenhaupt Gibraltar.
Lautlos fast durchschnitt der mächtige Schiffsrumpf die Wasser. Aus den glitzernden Wellen, die er aufwarf, hob sich ein Kopf, ein zweiter. Ein Delphinenpaar schnellte sich in graziösem Bogen von Welle zu Welle. Hinter ihm drein ein anderes. Und nun, links und rechts, vor- und rückwärts Hunderte von silbrigen Leibern, in weiten, elastischen Sprüngen sich folgend und überholend, wie eine Koppel schlanker Windhunde an den schäumenden Flanken des Jagdrosses dahinsausend. – –
Unbeachtet glitt das blitzende Spiel durch die Stille. Der Ruf der Schiffstrompete hatte eine Stunde früher als sonst zum Diner geladen. Auf dem Promenadendeck arbeiteten hastig die Elektrotechniker, überspannten den breiten Gang mit schwankem Segeldach und schufen einen Sternenhimmel aus bunten Beleuchtungskörpern. Alles klar zum Ball an Bord, waren die Säulen des Herkules passiert! Irgend einem hohen Herrn zu Ehren, dem mit der technischen Leistungsfähigkeit nicht minder die Eleganz der Lebensführung eines deutschen Ostasiendampfers verdeutlicht werden sollte.
Oben auf dem Sonnendeck lehnte ein Reisender. Sein Blick ging über das Meer und haftete an dem geheimnisvollen Gebirgszug, der fern an der marokkanischen Küste mehr und mehr zurückblieb. »Der Atlas – –« sagte er gedankenlos vor sich hin. Aber das Wort umflatterte ihn, als trüge es den Hauch einer Erinnerung in sich, so daß er, aufmerksamer werdend, die Gedanken spornte und endlich mit einer zähen Angestrengtheit, die ihm bald ein Lächeln entlockte, hinter dem Worte hersann. Und dann verflog das Lächeln, und er hatte die Erinnerung. Eine Strophe, eine Heinesche Strophe – – Fort, fort mit ihr! Er zwang den Blick, daß er sich dem buntglitzernden Wasser zukehrte. Aber das Spiel der Delphine bemerkte er nicht. Das Auge suchte aufs neue den Bann des Bergrückens auf, der nach der Sage der Alten das Himmelsgewölbe trug, und immer wieder krochen die Verse in sein Gehirn und klammerten sich darin fest: