Er schwieg einen kurzen Augenblick, als wenn er sich besänne. Dann begann er offenherzig: »Im Palazzo Pitti hängt ein Bild, das schönste, das ist meine Mutter.«
»Sie meinen die Madonna della Sedia?«
»Ja, das Raffaelsche Wunderwerk. Der Meister muß es in Gedanken an seine Mutter gemalt haben, wenn er auch ein fremdes Modell benutzte. Liegt nicht ein ganzer Himmel in ihrem Auge? Nicht ein Himmel, den sie für sich begehrt. Nein, sie selbst ist nach echter Mutterart voll lächelnder Zufriedenheit still untergetaucht, um in ihrem Kinde glückselig aufzuerstehen zu einem zweiten Leben. In ihrem Kinde, für das sie die Welt und den Himmel beansprucht. Sie bringt in ihrem Sinn damit kein Opfer, nein, sie ersehnt darin ihr höchstes Glück. Das ist eben das Wunder. Und so ist meine Mutter.«
Die schöne Frau spielte gedankenvoll mit der Schale der Orange.
»Erzählen Sie mir mehr von Ihrer Mutter,« bat sie.
»O, gnädige Frau,« versicherte er fröhlich, »in ihrem Leben ist nicht viel Bemerkenswertes. Sie ist eine einfache Frau, die mich nach dem frühen Tode meines Vaters mit Verleugnung aller eigenen Wünsche erzogen hat. Das Beste kann man ja nicht erzählen, ich meine ihre Liebe. Aber sie wird auch hierin keine Ausnahme unter den Müttern bilden. Ich wenigstens vermag mir eine Mutter gar nicht anders mehr vorzustellen.«
»Es wird schwül im Zimmer,« warf sie plötzlich ein. »Unsere Tischnachbarn haben sich schon ins Freie gerettet. Ich werde ihrem Beispiel folgen. Auf Wiedersehen, mein Herr.«
Auch Erkelenz erhob sich schnell und machte seinem Gegenüber eine tiefe Verbeugung.
»Würde die Bitte nicht unbescheiden sein,« brachte er zögernd hervor –
»Wollen Sie mich auf meinem Spaziergang begleiten?« Sie hatte ihm den Wunsch abgelesen und kam seiner Verwirrung schnell zu Hilfe. »Ich gehe nach den Cascinen, dem Prater. Wenn es Ihnen also Vergnügen macht – ich hole nur meinen Hut.«