Da lachten sich die schlanken Knaben fröhlich an und wollten alsbald mit hundert Fragen kommen, aber es war ein lautes Lärmen, Gelächter und Durcheinanderschreien in dem Wirtssälchen geworden, obschon nur eine Familie aus sechs Köpfen an der gegenüberliegenden Wandseite am offenen Fenster saß und sich den Tafelfreuden ergab.
Die Knaben schielten hinüber und nickten sich zu.
Just hatte das Haupt der Familie, ein gewaltig gewachsener Herr in gepflegtem schwarzen Riesenbart, mit vornehmer Gebärde der bedienenden Saaltochter eine Forelle von der Schüssel genommen, tastete mit der Gabel in das zarte Fleisch und belehrte die Bedienerin mit volltönender Stimme über eine verfeinerte Behandlungsweise des köstlichen Fisches. Er trug einen untadeligen grauen Reiseanzug nach englischem Schnitte, wie auch seine elfenhaft kleine quecksilbrige Gemahlin nach englischer Sitte gekleidet und von einem blauen Sonnenschleier umflattert war. Drei Knaben zwischen fünfzehn und zwölf Jahren, dazu ein Mädchen kaum über sechs, aber mundfertig wie die Brüder, bildeten in flotten Bergsteigertrachten den Rest der Tafel, tranken mehr als ihnen zukam von dem feurigen Veltliner und nahmen von der gereichten Schüssel je zwei der stattlichen Forellen, so daß die unwillige Bedienerin unter dem Gelächter von Mutter und Kindern und dem wohlwollenden Beifall des Vaters eine Schüssel nachholen mußte. Dann aber empfand die kleine quecksilbrige Dame den ländlichen Wein als zu sauer für ihren Gaumen, und der gewaltige Herr vollzog ein langes, gewichtiges Gespräch mit der Bedienerin, die in rotflammender Verlegenheit immer wieder die wenigen Weinsorten des Hauses aufzählen mußte, bis der vornehme Gast zugunsten eines traubensüßen und schäumenden Asti entschied und sich den schwarzen Bart zufrieden auf die Brust strich.
»Es sind die Barthelmeßleute, Mutter,« flüsterte Martin Opterberg über den Tisch Frau Christiane zu, die unwillig das ungezügelte Benehmen der Kinder, das großtuerische Gebaren der Erwachsenen und die Störung des Abendfriedens durch den wortreichen Lärm empfand.
»Was für Barthelmeßleute?« fragte sie knapp.
»Der Kirchenbauer und Bildhauer, Mutter, der bei uns daheim in den Waldstädten die Wiederherstellungsarbeiten in den alten Kirchen verrichtet, in Säckingen, glaub’ ich, und Rheinfelden. Die Kinder kamen schon oft auf unseren Hof und liehen sich alles aus, was sie kriegen konnten: Butter und Eier und Brot, ja sogar den Werkzeugkasten.«
»Richtig,« sagte Frau Christiane, »und wiedergebracht haben sie nichts und zu keiner Zeit.«
Sie wollte sich erheben, um mit ihren Knaben die Schlafräume aufzusuchen, als das kleine schwarzlockige Mädchen vom anderen Tische vor ihr stand. Es knixte und sagte in geläufiger Rede: »Ich bin die Sabine Barthelmeß, und Vater läßt die Frau Opterberg mit einer schönen Empfehlung fragen, ob die Frau Opterberg Vater wohl eben hundert Franken leihen könnte.«
Es war mäuschenstill am Tisch der Barthelmeß’ geworden, während die Kleine sprach. Und in die Stille hinein antwortete Frau Christiane lustig, als handele es sich um einen Kinderscherz: »Ich kann dir leider nur noch ein Kätzchen leihen.«
»Ein Kätzchen?« wiederholte die Kleine verblüfft. »Weshalb denn ein Kätzchen?«