»Warum, Frau Pate?«

»Weil dies Märchen lebt und noch lange nicht gestorben ist.«

Da grübelten die Knaben über den geheimnisvollen Satz, bis sie im Gasthaus zu Reichenau am Tischleindeckdich saßen. —

Die Atemzüge des Maienabends zogen durch die weitgeöffneten Fenster in das Wirtssälchen. Oft schwollen sie an zu einer geheimnisvollen Woge von Düften, die in den blumigen Wildwiesen der Hänge und den bunten Bürgergärten des Städtchens geboren wurde. Dann senkte Frau Christiane die Hände und hob ganz leise das Gesicht der stillen Woge entgegen. Das lernten die Knaben schnell, und sie nannten es: das Herz baden.

»Jetzt sitzt der Vater daheim auf dem Gutshof und hat sich in der blauen Steingutbowle den ersten Waldmeistertrank gebraut,« sagte Frau Christiane.

»Und zupft wohl die Gitarre zu einem Lied,« fuhr Martin Opterberg fort und horchte ins Weite.

Der junge Christoph Attermann schwieg. Er dachte an seinen Vater, der nach Freiburg gefahren war, in die Klinik der Professoren, um von der schrecklichen Atemnot befreit zu werden. Und er dachte an seine Mutter, von der er nichts wußte, als daß sie in ihrer Mädchenzeit Schaffnerin gewesen war auf dem kleinen Gutshof der Opterbergs am oberen Rhein.

»Christoph,« sagte Frau Christiane, als läse sie in den Gedanken des Knaben, »an solchen Lenzabenden kam deine Mutter nach getaner Arbeit immer mit der Weißzeugnähterei zu mir unter die große Rotbuche, die so spät ihre leuchtenden Blätter auseinanderrollt, und wenn wir auch nicht viel sprachen, so fühlten wir doch, daß uns die Tagesarbeit zu guten Abendgefährtinnen gemacht hatte. Daß sie mit ihrer stillen, festen Treue bei mir war, hat mir oft über schwerblütige Gedanken hinweggeholfen, und sie kam auch noch Abend für Abend, als sie für ein Jahr in das kleine Schmiedehaus am Wege gezogen war, als deines Vaters junge Frau.«

»Für ein Jahr …« wiederholte Christoph Attermann. »Dann war sie tot.«

»Was du nicht sagst, Christoph,« meinte Frau Christiane verwundert. »Wie kann ein Mensch tot sein, der in seinem Kinde lebt? Bist du nicht in ihrem Schoß geworden und aus ihrem besten Blut? Oder glaubst du gar, du wärest aus dem Schmiedeteich herausgezogen worden?«