Sie waren durch die Dorfstraße von Trons längst hindurch und auf dem Wege nach Ilanz, dem ersten Städtchen am Rhein. Aus der Berge Haft trieb der junge Strom in die Freiheit. Und die Gedanken der Knaben stürmten mit ihm, während die Füße rüstig wanderten und die Augen immer wieder die klaren Züge der Frau aufsuchten, die sich in körperlicher und geistiger Gesundheit stark fühlte und sicher unter den Menschheitsgeschwistern und aufrecht und vertrauend vor Gott als dem liebenden Vater.
In Ilanz gab es Mittagsrast. Aber sie sputeten sich, um noch vor Sonnenuntergang Reichenau zu erreichen, die Vermählungsstätte des Vorderrheins und des Hinterrheins. Voller Frühlingsflor standen die Matten, Forellen schnellten sich durch die Strudelbäche, in der Ferne blitzte aus rauschenden Baumgruppen der Flimsersee, Kuhherden läuteten durch das saftgeschwellte Gras. Friede überall. Da engt sich der Weg. Die Wälder verschlingen die Felder, die Felsen rücken heran und türmen sich hoch und steil, uralte Burgen auf den Gipfeln wie Raubnester über der Singvogelhalde. Der Rhein bäumt sich auf. Und wie ein Roß, das den Gefährten wittert, stürzt er sich zügellos in die zerklüftete Talenge und stürmt in verdoppelten Sätzen der Vereinigung entgegen.
Frau Christiane verhielt ihren Schritt. Sie schob die Kappe in den Nacken und stieß die Spitze des Wanderstockes in den Grund. Und die Knaben taten wie sie.
»Die Könige der Einsamkeit verlangen einen Gefährten, damit sie die Größe und Fülle ihres Lebens finden. Schaut dorthin, wo sich Rhein und Rhein umarmt! Um ein einziger zu werden! Eins in der Freude, im Kampf, in der Entsagung und der Hoffnung. Und immer gleich groß, ihr Buben.«
»Laß uns hin, Mutter.«
»Ja, Frau Pate —«
»Das Schloß da vor uns in dem Märchengarten ist der alte Sitz der Herren von Planta. Der Churer Bischof hat es gebaut. Die geistlichen Herren hatten einen guten Sinn dafür, wo die Erde am schönsten war und dem Himmel am nächsten. Kommt mit. Wenn wir durch den Märchengarten schreiten, gelangen wir dicht an das Märchen vom Rhein.«
Sie schritten schweigsam durch den dunkel träumenden Garten, traten hervor und standen am hell beleuchteten Strand. In den Bergen sank die Sonne und verstreute verschwenderisch ihr letztes Licht. Und in die kristallblanken Fluten des Vorderrheins warfen sich die schicksaldunklen des Hinterrheins. Über die Wasser ging es wie ein Seufzer der Erlösung …
»Ein wildes Märchen, Mutter.«
»Ja, zahm ist das Rheinmärchen nie gewesen. Schlafhauben und Traumpoeten fabeln wohl davon. Wo der Rhein fließt, ist Kampf und wird es bleiben, solange Menschen leben. Seit Kelten und Römer mit den Germanen kriegten, bis in die Unendlichkeit.«