Weiter und weiter marschierten sie, durch Berg und Tal. Oft sprühten die Sturzwellen des Rheins vor ihnen auf, oft hörten sie nur sein unterirdisch Brausen aus Tannendickicht und Steingeröll. Menschensiedlungen tauchten am Wege auf. Schon begann kühner Unternehmungsgeist sich die Wasserkraft nutzbar zu machen, und das Echo der Eisenhütten scholl dumpf aus den Wäldern. »Erzähle, Mutter,« bat Martin Opterberg, »gib der Landschaft das Gesicht.« Sie traten aus dem Tannendunkel und marschierten rüstig auf grünem Talweg dem Dorfe Trons entgegen.
Frau Christiane wies auf einen Baumstumpf hin. »Was für ein Baum scheint’s euch?«
Christoph Attermann war schon hingesprungen. »Ein Ahorn, Frau Pate!«
»Nur ein Ahorn? Wie Tausende? Ei, da wollen wir ihm ein Gesicht geben, daß gerade er unter den Tausenden haften bleibt. Das sind fünfhundert Jahr und mehr, da war dieser Ahorn ein ganz eigener, und was damals unter ihm beschworen wurde, das gab dem Lande den Namen. Den ›grauen Bund‹ beschworen damals aufrechte Männer unter diesem Ahorn von Trons, um das Land vor Zerstückelung zu bewahren, und das Land hieß alsbald Graubünden. So ist es stolzes und freies Land geblieben und wäre sonst zerrissen worden und unter die Füße getreten von Österreichern, Welschen, Spaniern und Franzosen. Seht, ihr Buben, und so mahnt uns der Ahornstumpf: Bleibt bei der Stange, wenn’s ums Vaterland geht. Bleibt, was ihr seid, und sehnt euch nicht nach fremdem Flitter. Überläufer verlieren ihr Vaterland und gewinnen nimmer ein neues. Und wenn sie im neuen Land Minister würden, sie blieben Knechte im Geist.«
»Die Frau Pate meint, weil sie drüben scharwenzeln müssen, um für echt zu gelten.«
»Das mein’ ich, Christoph Attermann, und manches, was das Gewissen beißt, dazu.«
»Ist Graubünden glücklich geblieben, Mutter?«
»Ach, du mein Närrchen, als die Graubündner die zahllosen Zwingburgen ihrer Fronherren im Lande gebrochen und den grauen Bund verstärkt und erweitert hatten durch die Gemeinden und Gerichte, da hätten sie’s wohl sein können in der stolzen Freiheit. Aber nun taten sie das Dümmste vom Dummen, was ein Volk nur zu tun vermag, und griffen einander in die Gewissensfreiheit und befehdeten sich zornmütig um den lieben Herrgott, ob der das Kreuz geschlagen haben wolle oder nicht und selber zu seinen Kindern reden wolle oder durch den Mund der lieben Heiligen, und zerrissen sich in dieser geistigen Unfreiheit wie die wilden Tiere, mordeten einander zu Tausenden, riefen sogar von hüben und drüben die verhaßten Feinde ins Land, nur weil sie sich selber untereinander noch viel grimmiger zu hassen vermeinten, und jagten den Teufel mit Beelzebub aus, statt die Armseligkeit ihres Geistes vor Gott zu bemerken.«
»Mutter,« fragte Martin Opterberg, »meinst du damit, es sei gleich, ob katholisch oder evangelisch?«
»Mein Junge,« sagte Frau Christiane, »eines steht fest: dem lieben Herrgott ist es gleich. Der ist zu groß für solche und andere anmaßlichen Dummheiten, mit denen die kurzlebigen Menschen in seinem ewigen Wissen und Wollen herumstochern möchten. Der will, daß hienieden ein Schweizer zuerst ein Schweizer und ein Deutscher zuerst und ganz und gar ein Deutscher zu sein habe, und behält sich alles übrige für seine Ewigkeit vor. Dort, und nur dort, ihr Buben, wird sich die Erleuchtung finden. Punktum.«