Ins Quellwasser des Rheins tauchten sie ihre Hände, und mit den gletscherfrischen Tropfen des Jungwassers feuchteten sie sich Stirn und Augen. »Nun haben wir die erste Rheintaufe,« riefen sich die Knaben zu, »nun holen wir uns die zweite beim Bruder Hinterrhein.«
Kletternd und am Stocke springend gerieten sie auf gangbaren Gebirgspfad. Hoch über ihnen in der Graubündner Felsenlandschaft kreisten die beiden Adler.
Bis zum Abend waren sie gewandert, durch das Tavetscher-Tal, und ihnen zur Seite stürzte sich wie ein wilder Knabe, der keine Gefahren achtet und kennt, der bachbreite Rhein in brausendem Getöse die Felsen hinab. Im letzten Sonnenschein lag Disentis vor ihnen, das grüne Taldorf mit der Klosterkirche auf dem Hügel. Ein sauberer Weinschank bot ihnen Nachtquartier.
In schwer verständlichen romanischen Lauten begrüßten Wirt und Wirtin die Gäste, ging das Gespräch zwischen den Bauern, die vor dem roten Veltliner saßen. Verwundert horchten die Knaben beim Abendbrot auf. »Es ist die Sprache des alten Rätiens,« antwortete Frau Christiane ihrem fragenden Blick, »so hieß Graubünden, als es eine römische Provinz war. Doch vorher schon, Jahrhunderte vor Christi Geburt, sollen sich Etruskerfürsten in das wichtige Bergland geschlagen und es besetzt haben. Hier sitzen wir unter den Nachkommen. Aber nicht lange, ihr Buben, denn wir suchen spornstreichs das Bett. Morgen ist auch noch ein Tag.« —
In erster Morgenfrühe brachen sie auf, einem langen, sonnigen Wandertag entgegen. Sie winkten dem Bergbach zu, der sich dem Dorfe gegenüber in den Vorderrhein ergießt und den die Leute von Disentis stolz den Mittelrhein nennen, und winkten dem Kloster einen Abschiedsgruß.
»Mutter, weißt du nicht ein Märlein vom Kloster Disentis?«
»Wir nennen heut Märlein, was einst Kampf und Krieg war und blutiger Schrecken. Und es ist gut so, sonst liefe aus Angst vor der Vergangenheit die Freud’ an der Zukunft aus der Welt. Uralt ist die Klosterstätte, und die Söhne des heiligen Benedikt haben sie errichtet. Das war, als nach des Königs Attila Tod Hunnenhaufen in die versteckten Berge drangen und lange, lange die Geißel über die rätischen Bauern schwangen, bis den schwerblütigen Gebirglern endlich das Blut heiß wurde und das Auge rot. Da gab es ein Blutbad, dem kein Hunnennachkömmling entrann. Seit jenem Tage stand das Kloster tausend Jahre lang als Zeichen der erkämpften Freiheit. Aber die Soldaten der französischen Revolution legten sich das Wörtlein Freiheit anders aus, wie es so der Brauch ist unter Menschen, die die Macht in die Hand bekommen haben, und brannten das Kloster mitsamt dem Dorf bis auf den Grund zu Asche, als die aufs Blut gequälten Bauern die Freiheit der Plünderer nicht verstehen wollten und die Sensen nahmen. Nachher haben die Überlebenden notdürftig wieder aufgebaut.«
»Mutter, wenn du erzählst, bekommt die Landschaft erst ein Gesicht.«
»Und schlägt die Augen auf, wie ein Mensch, Frau Pate.«
»Blickt hinein, ihr Buben, immer hinein. Die Augen sind’s, die Farbe bekennen, nicht das Gewand. Und wenn ihr überdies Sorge tragt, daß die eigenen immer voll Wahrheit stehen, mag’s biegen oder brechen, so bleibt ihr Herr und Meister über euch selbst und damit über die anderen.«