Durch das Domletschgertal wanderten sie, durch die weiten, grünen Matten, und kraftvoll wogte ihnen der dunkle Strom entgegen, der Bergesprenger und Felsenspringer. Klosterruinen und Burgentrümmer auf ragenden Zinken und Zacken ließ er hinter sich, eine zerbrochene und schon verschollene Welt trotziger Herrengeschlechter in Panzer und Kutte. Jeder Fußbreit Bergerde, den die Wanderer betraten, sprach von Kampf und wieder Kampf, und je rauher und unzugänglicher die Bergwelt schien, um so enger nur drängten sich die blutigen Spuren der Menschen, die seit Jahrtausenden um die starren Höhen kämpften, um hinüber zu gelangen in die weichen Täler. Wohl an zwanzig Geschlechternamen schlugen an das Ohr der Knaben, und jeder Name wandelte sich ihnen zur Sage von Männern, die da starben, wie sie gelebt hatten, ob’s im Recht oder Unrecht gewesen war. »Das ist das Märchen vom Rhein,« schloß Frau Christiane eine jede ihrer Erzählungen, »und wer auf diesen Wegen dem Ursprung des Rheins nachgeht, der wird begreifen lernen, daß die Seele des Stromes kriegerisch ist, auch wenn er sich an seinen Ufern ab und an das Flötenblasen gefallen läßt.«
Und die Knaben begriffen es, als sie dem lieblichen Dörflein Thusis einen Abschiedsgruß zugewinkt hatten, um in der Felsenwildnis des Schamsertales wie Staubkörner zu verschwinden. Jäh schluckte sie das Felsentor des ›Verlorenen Loches‹, und als sie sich durch den finsteren Bergtunnel hindurchgetastet hatten, standen sie erschauernd vor der grausigen Urgewalt der unbezähmten Natur und ihrer eigenen Kleinheit.
»Hindurch, hindurch!« rief Frau Christiane. »Es ist der Weg des Schreckens, die Via mala, aber Mut ist mehr als Schrecken, und nur die erkämpften Kronen haben Wert. Seht, durch dieses Felsenmeer hat sich der junge Rhein eine enge Gasse in die Freiheit gebissen, und so eng und so schauerlich sie ist, mutige Männer sind ihm gefolgt und haben Schritt für Schritt eine Straße an die senkrecht stürzenden Felswände geklebt, haben sterbend Spitzhacke und Mauerkelle weitergegeben, von Geschlecht zu Geschlecht, Jahrhunderte hindurch, bis der Mensch Sieger war, den Weg des Schreckens hindurch von Rongella bis Andeer, und über den Splügenpaß die Menschheitswege zueinander konnten von Norden nach Süden. Hindurch, hindurch, ihr Buben!«
Da strafften sie den Leib und marschierten den schwindelnden Weg, Tausende von Fuß die steilen Felswände über sich, jäh abstürzend die Felswände unter sich, und das donnernde Brausen des wütenden Wassers irgendwo in geheimnisvoller Tiefe. Stunden hindurch marschierten sie, hoch im Unendlichen über der lichtlosen Schlucht wie ein schmaler Streifen das Himmelsblau, und vermochten nicht zu sprechen vor dem Wogen und Wallen der Gedanken.
»Wir siegen,« rief Frau Christiane, als sie sich, das Grausen im Rücken, in der nächsten Morgenfrühe über die letzte Felsterrasse des Rheinwaldtales hinaufarbeiteten zur Gletscherhöhe des Rheinwaldhornes. »Gebt das Letzte her. Vor Mittag sind wir droben.« Und als die Sonne scheitelrecht stand, riß sie die Knaben mit starker Bewegung an sich.
»Da seht! Da seht! Da springt der Rhein von der Mutterbrust.«
Ein silbriger Faden huschte aus dem dunklen Gletscherspalt, gewann an Kraft, sammelte sich zum ersten Sprung, durchbrach das Gestein, stürmte eine kurze Strecke dahin und stürzte sich ohne Besinnen in dunkle Felsennacht, um, unsichtbar dem Auge, alle Jugendkraft zusammenzufassen zur ersten Mannestat des Kettensprengens.
Und wieder beugten sich Frau Christiane und die Knaben über das spritzende Quellwasser und befeuchteten sich Stirn und Augen.
»So sollt ihr jugendstürmisch springen und brausen,« sagte Frau Christiane, »und auch ab und an von der Bildfläche verschwinden, um eure Kräfte zu sammeln und als Mann hervorzutreten. Ein jedes Zeitalter des Lebens heißt es erfassen und auskosten, damit das nächste nicht unter falscher Sehnsucht leidet. Denn was das eine Zeitalter köstlich kleidet, steht dem anderen Zeitalter nicht mehr zu Gesicht.«
»Mutter,« sagte Martin Opterberg, »ich wollte dich noch fragen, weshalb du zu Reichenau dem Professor Barthelmeß nicht ausgeholfen hast?«