Wo war dieser stille, dieser liebesstarke, dieser ruheausgießende Abend? Hundertmal griff Martin Opterberg, griff Christoph Attermann nach der flatternden Erinnerung, um ein Fetzchen davon auf die fieberhaft pochende Stirn, auf das schwerarbeitende Herz zu legen. Ein Befehl — eine Meldung — fort war sie — nur die Gegenwart bestand — nur die Aufgabe dicht vor den Augen, dicht vor den Fäusten — vorwärts — vorwärts! Gab es überhaupt noch eine Zeitrechnung? Hatte es jemals eine Zeit gegeben, die vor dieser lag, die sich auffraß wie Vater Kronos seine Kinder? Würde es jemals eine andere geben als diese atemlos schlingende, der Tage, Wochen und Monate wie Körner im Wirbelsturm waren? Durch einen Fluß Frankreichs arbeitete sich Martin Opterberg mit seiner Pionierkompanie. Hinein in das Feuer, hinauf auf die Ufer. Stützpunkte, Stützpunkte für den Brückenschlag, auf den Zehntausende harrten! Durch die Drahtverhaue eines belgischen Forts glitt Christoph Attermann mit den scherenbewaffneten Seinen. Hinein in die Stacheln, hindurch durch das Blut. Bahn frei, Bahn frei für die stürmenden Brüder! Spracht ihr nicht von Frankreich? Spracht ihr nicht von Belgien? Wo habt ihr euren Verstand gelassen, ihr Vorwärtstaumelnden? Das sind russische Sümpfe, in denen ihr bis an die Achseln steckt, um in den schwappenden, schnappenden Brei kettenrasselnde Pfosten einzurammen für schwimmende Maschinengewehrnester. Rußland? Mensch, du karrst wohl deine Briefsachen mit der vorsintflutlichen Thurn- und Taxischen Postkutsche herum? Die Kompanie Opterberg zeigt den Österreichern in den Karpathen, wie man durch ein paar vorgetragene Sprengminen Massenhimmelfahrten veranstalten kann, und die Kompanie Attermann besorgt’s den Serben oder jagt zur Stund’ mit Türken und Bulgaren im Lande Mazedonien herum. Vorwärts — vorwärts! Vielleicht triffst du einen alten Juden, der den Opterberg und den Attermann schon in Palästina ankommen sah!
Wenn die Pflegebrüder, oft durch Meilen voneinander getrennt, naß, schmutzstarrend und verwildert irgendwo bei blutiger Arbeit waren, irgendwo im dumpfen Unterstand lagen, war ihnen nicht, als erlebten sie ein Märchen, war ihnen nur, als klängen die Töne des Vorlebens wie unfaßbare, unbegreifliche Kindermärchen an ihr Ohr. Hatte es in Wirklichkeit eine Frau Christiane, eine Therese Attermann und die andere gegeben, die ihr so ähnlich sah wie aus lachender Mädchenzeit? Wann war das gewesen? Wo konnte das gewesen sein? Ha — jetzt. Dort sind sie. Hier, dicht am Herzen, an den Lippen. — Was ist? Was willst du, Mann? Der Feind? Der — Feind —? Auf, Pioniere! Pioniere, auf! In den Graben! Über die Brustwehr! Laßt die Minen flattern! Schmeißt ihnen die Handgranaten an die Schädel! Haut sie mit dem Schanzzeug heraus! Drauf, Jungens, drauf und dem Hauptmann nach! Ah, du Hund — du oder ich …
Erst hatte Martin Opterberg, hatte Christoph Attermann, hatten die Tausende, die Millionen von Männern geglaubt, nur während des Vormarsches, der Schlachten, der Verfolgungen jagte die Zeit. Im Grabenkrieg war es nicht anders. Nicht doch. Sie jagte nicht. Aber sie kaute und malmte die Stunden unterschiedslos eine hinter der anderen, schluckte sie, nahm ein Maul voll neuer, kaute, malmte, schluckte, unterschiedslos … Da ließ man das Nachrechnen, und es war eine Woche, ein Monat, ein Jahr, und hätte gestern und vorgestern sein können, morgen oder übermorgen.
Auf einem Grabengang zuckte es Martin Opterberg durch den Sinn, und er nahm den Gedanken mit, während er die Stellung besichtigte. Wirklich —? Waren das schon zwei Jahre seit dem letzten friedlichen Tag daheim? Seit jenem stillen, liebesstarken, ruheausgießenden Abend? Da standen die Jünglinge und Männer, zerlumpt, verschmutzt, mit den Heldenaugen im hagergewordenen Gesicht, und taten ihre Pflicht, taten sie in diesen verfluchten Maulwurfsgängen und Erdlöchern hundertmal mehr noch als im frischen Drauflossturm tollkühnen Vormarsches, obschon die Begeisterung zu allen Teufeln gegangen war in dieser Menschenunwürdigkeit. Aber das eiserne Bewußtsein hielt sie aufrecht: du oder ich! Bei wenigen war es mehr noch als der dumpfe, tierische Grimm: Hund, du hast mir das Leben versaut. Erst kommst du!
Martin Opterberg tastete sich an seinem Gedanken Schritt für Schritt zurück. Zwei Jahre weit. Da zogen diese Jünglinge und Männer, stark und vollwangig, in strahlendem Waffenkleid über den Rhein, den sie in brausendem Gesang zu schirmen schwuren, und sie stürmten mit begeistertem Gesang in die unbekannte Schlacht, in das unbekannte Grauen, in all das Unbekannte auf Schritt und Tritt. Und als es ihnen mälig bekannt geworden war, da taten es plötzlich die wilden Lieder nicht mehr allein, da griffen die Menschen über sich und tasteten und suchten nach dem Göttlichen, dem sie sich blindlings anvertrauen konnten in Leibes- und Seelennot. Und ein Protestant kramte aus seinem Tornister ein Neues Testament hervor und begann darin zu blättern, und gleich waren es Hunderte, waren es Tausende von Büchern Reih’ auf, Reih’ ab in aller Händen, und des stillen Lesens war kein Ende. Und ein Katholik zog seinen Rosenkranz aus dem Brustlatz und hing ihn griffbereit an sein Gewehrschloß, und gleich war es ein ganzer Rosengarten Reih’ auf, Reih’ ab, und der stummen Zwiesprach’ war kein Ende. Martin Opterberg sah das Bild, er sah es auf dem Marsch bei Tag und am Lagerfeuer in der Nacht, und er sah die gewaltige Glaubenswoge noch durch die unterirdischen Gräben der ersten Stellungskämpfe ziehen, sah das Testament auf der Brustwehr und den Rosenkranz am Bajonett. »Gott, Gott!« hatte es durch die Gräben gerauscht und »Jesus, Maria!« Und die Granaten kamen angeheult und schlugen einen Trupp frisch angekommener Knaben zu Knochensplittern, ein Minenwerfer krachte nieder und stopfte zerfetzten Familienvätern hastend die Erde ihres eigenen Grabes in den Hals, eine giftverseuchte Gaswolke wälzte sich heran und erstickte wahllos Jung und Alt. Und kein Heldentum half und kein Gebet. Gott ließ das feige Würgen zu, und kein Heiland hob sichtbarlich die Hände und keine Schmerzensmutter. Aber die wundersüchtigen Menschen hoben die Hände und zerwühlten ihr Haar und zerkratzten ihr Angesicht, bis der Firnis des Christentums heruntersprang und das alte Heidentum zum Vorschein kam, das Heidentum, das seine Götzen schmähte und prügelte, wenn sie keine Wunder taten. Martin Opterberg hatte sich an seinen Gedanken zurückgetastet bis zu dem Tag, an dem die Rosenkränze und Neuen Testamente wie ein Kehrichthaufen in den Gräben lagen und ein Raunen lief und blieb und schwoll: Es gibt keinen Herrgott. Verdammtes Ammenmärchen.
Und wenn es keinen Herrgott gab — wer hatte die Gewalt? Wer hatte sie auf Erden?
Ein Einzelner? Eine Handvoll Gekrönter oder Besternter?
Wer vollzog sie im Feld? Die Führer? Die Masse vollzog sie, die Masse, und sie würde sie einst weiter vollziehen, vom Gespensterglauben erlöst, auf eigene Faust, einst, einst …
Damals hatte es begonnen, in den Tagen des grausigen Sterbens, das in seiner platten Gemeinheit den Gläubigen traf wie den Ungläubigen, den Helden wie den Feigling, als schlüge eine riesengroße Fliegenklatsche alles zu Brei. Damals hatte es begonnen, und als es begonnen hatte, war es schon überall, in der Kreidechampagne und in den Pripetsümpfen, in den Karpathenschluchten und über den Balkan hin.
Noch schwebte und knisterte es. Noch war das Deutschbewußtsein: Du oder ich! das Mannesbewußtsein und Pflichtenbewußtsein das stärkere.