»Bauchschuß. Hört sich grauenhafter an, als es ist. Meine braven Leut’ haben sich auf meine Arme und Beine niedergehockt, daß ich mich nicht herumwerfen und verbluten konnt’. Und nicht einen Schluck zu trinken und keine Krume zu essen haben sie zugelassen. Das hatten sie einmal vom Stabsarzt vernommen. Zwei Tag’ und zwei Nächte haben sie in der Mordschlacht bei mir gehockt und acht auf mich gegeben. Als ich in einer Zeltbahn ins Lazarett getragen wurde, sagte der Generaloberarzt: ›Gerettet durch Ihre Leute‹!«
»Liebe erzeugt Liebe, Christoph. Du brauchst mir rein gar nichts mehr zu erzählen.«
Täglich flatterte ein Brieflein aus der Heimat ins Krankenzimmer. Therese Attermann schrieb voll tiefer Mütterlichkeit. Der Generaloberarzt hatte der jungen Kollegin einen ausführlichen Bericht über die Art der Verwundung und die fortschreitende Heilung erstattet und die Ärztin in ihr vollkommen beruhigen können. So waren ihre Briefe allein von der tiefinnerlichen Zärtlichkeit getragen, die ihrem Wesen eigen war.
»Ich hab’ dich lieb, seit ich es dir das erstemal sagte, und so weißt du es für alle Zeiten.«
Martin Opterberg las den Satz, reichte den Brief mit einem Händedruck dem Freunde zurück und lag ganz still.
»Martin —«
»Ja, Christoph?«
»Ich muß dir ein Geständnis ablegen, Martin. Heut’, da wir wie zwei matte Fliegen auf der Decke liegen, läßt es sich leichter sagen und anhören. Ich habe einmal einen furchtbaren Zorn auf dich gehabt, Martin. Das war, als du mich der — der Sabine Barthelmeß wegen ins Rheingau kommen ließest. Damals meint’ ich, ich müßt’ mich zeitlebens von dir trennen, und ich fuhr zum Theresel und bot ihr meine Hand, um sie über das, was du tatst, so hinauszuheben, daß es nicht an sie konnte. Und dann kam es ganz anders. Als sie mein Weib geworden war, Martin, da wurd’ ich erst gewahr, was für einen großen, übergroßen, ganz unverdienten Schatz ich gehoben hatte, und wie dieser Schatz nur deshalb so überreich geworden war, weil er sich immer nur für dich veredelt und fast ein Dutzend Jahr’ lang Zins und Zinseszins hinzugenommen hatte. Schau, Martin, damals wurd’s mir klar, daß du im Unglück gehandelt hattest und nicht in der Untreue, und daß ich, wie schon früher, so jetzt, auf deinem Erbe saß und so voll tiefer Dankbarkeit gegen mein glückhaft Geschick zu sein hätt’, daß ich es durch nichts wettmachen könnte als durch brüderliche Liebe.«
»Schweig, Christoph. Es ist gut so und besser.«
»Laß mich nur reden. Es tut mir wohl, und ich möcht’, daß es dir wohl tät’. Einmal war’s nah an mich herangetreten, dir eine Arbeit abzunehmen, wie sie nur ein Bruder abzunehmen vermag, der schweigend versteht und schweigend handelt. Aber für mein schwerfälliges Blut ging alles zu rasch, und du hattest das Urteil schon in der Tasche, eh’ ich mich von der geschehenen Tat erholt hatte. Schau, Martin, damals hätt’ ich mein halb Leben drum gegeben, wenn ich das schleimige Krötenzeug in deinem Haus an deiner Statt hätt’ unter die Peitsche nehmen können.«