Martin Opterberg lag ganz still. Aber an den unregelmäßigen Atemzügen hörte der Bruder, wie es in ihm würgte.
»Martin, es mußte einmal ausgesprochen werden. Es läg’ sonst immer wie Leichen zwischen uns.«
»Leichen? Das nennst du Leichen? Scheintote sind’s, Christoph, die zu jeder Zeit die Augen aufschlagen und mich angrinsen können, und jedes neue Glück, das ich mir schaffen möcht’, hämisch begeifern und hinterrücks aushöhnen können. Ah, Christoph, das gibt mir keine Ruh’ im Leben und im Sterben, daß ich das Gesindel nicht niedergeschlagen und ausgelöscht hab’ für mich und alle Menschen, die ich liebe.«
»Martin, das ist überreizt, das ist übertrieben …«
»Möglich. Wenn man jahrelang mutterseelenallein da draußen im Dreck gelegen hat, arbeitet die Phantasie. Da hab’ ich mir oft ausgemalt: Gott geb’ die beiden zum zweiten Mal als Verbrecher vor meine Klinge. Damit ich sauber würd’.«
Da schwieg auch Christoph Attermann. Und er suchte in seinem Hirn und suchte nach einem anderen Bild.
»Das Lindele hat dir geschrieben. Darf ich wissen, was?«
»Hier, lies.«
»Es strengt mich zu sehr an. Erzähl mir lieber.«
Ungern kam Martin Opterberg dem Wunsche nach. Nur stockend berichtete er zu Anfang. Dann aber nahm’s ihn selber gefangen, und er wurde wärmer und redete sich zum Schluß in eine große Freudigkeit hinein. »Sie schreibt von der Werft, und daß das Werk sich aus sich selbst unterhält durch die Fülle von Ausbesserungsarbeiten an Schiffen rheinauf und rheinab. Und daß die alten Meister und grauköpfigen Arbeiter wie die Jünglinge zimmern, hämmern und nieten, und daß von den Werksfamilien, deren Männer im Felde stehen und weiter den Lohn beziehen, die Frauen und Kinder in Hos’ und Schurz mitschaffen auf dem Werftplatz, um den anderen das Brot nicht zu schmälern, und wie sie selber, die Linde, unter den Frauen mittät’ in Hos’ und Schurz, wenn’s gerad keine Schreibarbeit gäb’, um nicht wie ein Dämchen hintanzustehen.«