Die Morgenfahrt ging weiter. An den schwarzen Wäldern vorüber, über eine weite Hochfläche, die nur verschleierte Fernblicke bot. Der Kaiser schien enttäuscht und kehrte bald zu seinem Gespräch zurück.

»Gut, daß nun die letzte Abrechnung aufgestellt wird. Die Schlußrechnung. In der Heimat fangen sie an, Schwierigkeiten zu machen. Aber in Frankreich machen sie schon längst Schwierigkeiten, und in England soll’s auch nicht zart hergehen. Hingegen soll die Stimmung in unserem Heer, vom Chor der ewig Unzufriedenen abgesehen, eine freudig erregte sein. Sie sind ja wohl der beste Augen- und Ohrenzeuge gewesen, Hauptmann Opterberg. Erzählen Sie mal.«

Martin Opterberg riß sich bei dem Anruf zusammen. Der Kaiser hatte eine Frage an ihn gestellt. Und plötzlich ward ihm, als heischte da vor ihm nicht ein kronentragender Mensch eine beistimmende Antwort, als befragte ihn das Vaterland, versinnbildlicht durch ein Fürstenantlitz.

Das Vaterland aber heischte keine höfische Antwort — es heischte die Wahrheit.

»Die Leute sind über menschliches Berechnen hinaus im vierten Jahre im Feld, Euer Majestät. Sie haben trotz der begeisternden Siege viel Hartes und Schweres in der langen Zeit erfahren. Die gelichteten Kameradenreihen, eigene Verwundungen und Krankheiten aller Art, dazu wohl auch trübe Nachrichten von daheim, Tod der Nächsten, Zusammenbruch der Geschäfte. Ich möchte sagen: die freudige Erregung ist mehr die Sehnsucht, bald heimzukommen.«

Der Kaiser sah ihn starr an.

»Das klingt ja fast, als ob da allerhand geheime Machenschaften am Werke wären, den Leuten den Aufschwung zu verleiden?«

»Gewiß, Euer Majestät, auch geheime Machenschaften sind am Werk, obschon sie längst nicht mehr so ganz geheim betrieben werden. Die Sendboten der unzufriedenen Parteien im Reich sitzen schon in jeder Kompanie und halten ihre Winkelversammlungen ab. Wer schimpft und hetzt, hat allzeit den größten Zulauf.«

»Die Sozialisten, Herr Hauptmann? So weit sollte man die schon vorgelassen haben?«

»Euer Majestät, es ist nicht die sozialistische Weltanschauung allein. Es sind zwei gleich starke Strömungen, die im Heere fluten. Die eine ist die sozialistische, die von der großen Völkerversöhnung durch die Gemeinschaftsziele der Arbeiterklassen schwärmt und den Krieg als eine Art Börsenspiel der Geld- und Machtklassen hinstellen möchte. Die andere ist eine wütend judenfeindliche, die die Verlängerung des Krieges, die Anhäufung der Kriegsgewinne durch die überzahlten Heereslieferungen, Bewucherung und Schiebertum daheim, kurz alles, was sie als ihre eigene und die Not des Vaterlandes ansieht, dieser einen Rasse zuschiebt, die doch nur eins vom Hundert der deutschen Bevölkerung ausmacht.«