Er atmete tief auf, nahm den Helm ab und ließ sich die Mütze reichen.
»Und Sie wollen wieder mit dabei sein, Hauptmann Opterberg? Können Sie nicht genug kriegen?«
»Wenn der Feind genug hat, kehr’ ich gern heim, Euer Majestät.«
»Und diesmal wird er genug kriegen. Er wird, er muß und soll. Es ist alles vorbereitet, glänzend vorbereitet. Diesmal fehlt nichts. Wir werden den Endsieg herbeiführen.«
»Jawohl, Euer Majestät.«
Der Kaiser sprach hastig weiter. Er sprach wie aus einem Drange heraus, eine bestätigende Stimme zu hören. Seine Gesichtszüge zogen sich zusammen. Seine Augen forschten.
›Dieser hier ist der Allereinsamste,‹ dachte Martin Opterberg. ›Während die anderen aus ihrer Einsamkeit Pläne und Taten gewinnen, muß er die seine abwartend in die Landschaft flüchten. Und mit ihr die Verantwortung für die Tugenden und Sünden eines Siebzigmillionenvolkes vor der ganzen Welt.‹
»Das vierte Kriegsjahr,« sprach der Kaiser lebhaft. »Und Jahr für Jahr hätten sie den Frieden haben können. Nicht doch — erst muß die Welt ganz aus den Fugen gehen. Wenn ich an Rußland denke! Welch ein Zukunftsvolk war’s und ist es heut noch mit seinen unermeßlichen Menschen- und Bodenschätzen in all der Unberührtheit. Und Frankreich erst! Es schlägt sich, wie nur ein geborener Soldat sich schlagen kann.« Seine Augen öffneten sich groß und starrten lange ins Weite. Als suchten sie ein Bild und fänden Trümmer. »Das war einmal mein Traum,« sagte er nach einer Weile. »Rußland, Deutschland, Frankreich ein einziger Block. Die drei stärksten und tapfersten Mächte — ein einziger, starrender Fels, an dem sich jede Kriegswoge der Welt im Entstehen hätte brechen müssen. — Die Schildwacht des Erdballs — und darum die heiligste Wacht des Friedenstempels.«
Staunend und ergriffen zugleich hatte Martin Opterberg den Worten des Kaisers gelauscht. Wer so zu träumen, wer so seinen Träumen Worte zu geben vermochte, heute noch, nach der grausamen Wachrüttelung und den rohen Faustschlägen der Umworbenen, der mußte in Wahrheit ein reiner Edelgeist sein oder ein Mensch, an dem alle Wirklichkeiten vorübergeleitet worden waren — und immer noch wurden.
Eine heiße, wehe Liebe entbrannte in ihm zu dem vereinsamten Kronenträger.