Da griffen die Franzosen in Massen an. Da kühlten sie ihr Mütchen an den hirnlos Gewordenen, von denen sie vier Jahre lang in hundert Stürmen und Schlachten zusammengehauen worden waren. Da warfen ganze Bataillone, ganze Regimenter die Waffen zu Boden und gingen über, ließen sich wie Herden aus der Schlacht in die Gefangenschaft führen. Leben, leben, leben …
Martin Opterberg stand mit seinem Bataillon in der kämpfenden Nachhut. Er war mit ihm zu einem wildfeuernden Artillerieregiment geraten. In seinem pulverschwarzen Gesicht glühten die Augen wie Flammen. Mit heiserer Stimme schrie er über den Lärm.
»Schließt euch zusammen, Pioniere! Das wär’ der erste Pionier, der überlief’! Gebt’s ihnen, Leute! Auch der Franzmann hat nur ein Leben! Zur Hilfe den Braven von der Artillerie!«
Und mit keuchender Brust, mit verbrannten Händen halfen die Pioniere den zusammengeschossenen Artilleristen laden und feuern, laden und feuern — bis die Nacht kam und sie die Geschütze zurückziehen konnten.
Der Herbst war in den Winter umgeschlagen. Im Novembersturm brach das kaiserliche Deutschland über der Wurzel ab. Das Volk hatte die Regierung in die Hand genommen, und der Kaiser war auf Drängen der ratgebenden Generale über die nahe Grenze nach Holland gefahren. ›Armer Verlassener‹, dachte Martin Opterberg, als die Kunde der sich überstürzenden Geschehnisse verzerrt und begeifert durch die Heerestrümmer lief, ›deine Generale kennen die Seele des Kriegs, aber nicht die Volksseele. Nun erst bist du ganz verlassen …‹
Unter der Peitsche der Waffenstillstandsbedingungen wälzte sich das Heer dem Rheine zu. Angstgejagt, nicht rechtzeitig mehr über den Strom zu gelangen, in die Freiheit, in die Heimat. Nur die Kampftruppen, die Nachhut, folgten langsam.
Am 10. Dezember des Jahres 1918 setzte Martin Opterberg mit dem Rest seiner Pioniere als die Letzten über den Rhein. Es war unterhalb Düsseldorfs.
Er sprang aus dem Kahn und stand, während die anderen Kähne landeten, mit starrem Weh in den Augen am Ufer des entheiligten Vaterlandsstromes. Die Seinen scharten sich um ihn. Es war ein Abschied.
Ein Trupp jugendlicher Burschen aus der Fabrikgegend stob heran. Sie schrien und fuchtelten mit den Armen.
»Die Kokarden von den Mützen! Die Waffen her! Wird’s bald?«