»Sag es mir …« bat Linde Baumgart durch die stille Abendstunde.
Und Martin Opterberg sprach in der Stille seine Gedanken aus.
»Gott ist die Allmacht, und er regiert über Milliarden von Weltkörpern, unter denen unsere Erde nur einer der vielen kleinen ist. Christus aber, der Gottmensch, ist der Mittler zwischen Gott und den Menschen der Erde, zwischen der Allmacht und einem winzigen Teil des Weltalls. So groß müssen wir den Herrgott nehmen und uns so klein, damit wir überhaupt den richtigen Maßstab gewinnen und den klaren Erkenntnisblick. Denn das sagt mir eine innere Stimme: Dasjenige Volk wird im Glücke leben, das in seiner Gottesverehrung und seinem Menschenglauben die größte Klarheit und die größte Einfachheit geschaffen hat. Vereinfachung der Glaubenslehre! Das ist der weltbewegende Punkt. Das sprach schon einmal meine Mutter, als ich noch ein Knabe war, in dem knappen Satze aus: ›Mehr inwendig lernen und weniger auswendig!‹ Was nützen uns die Geschlechterverzeichnisse der Juden und die Entwicklungsgeschichten ihrer Stämme? Stammten wir aus ihrem Samen, so wäre es letzten Endes auch für die Geschichte des Glaubens noch hinzunehmen mitsamt den Weissagungen für diese Volksfamilie. Wir aber entstammen den Urwäldern Germaniens und kämpften uns durch unsere Götter Wodan, Donar und Baldur zu unserem Glauben hindurch. Sie aber, so heißt es, sind unerheblich für die Reinheit des Glaubens. Also werden die fremden Baals und goldenen Kälber wohl ebenso unerheblich für die Reinheit des Glaubens sein. Gebt uns des Gottmenschen Christus Leben und Lehren zum Vorbild und führt die Menschen vor die Größe und Erhabenheit der Gotteswelt, vor die göttlichen Wunder der Natur und des Sternenhimmels, bis sie erschauern vor der Allmacht und sich würdig machen des Glücks, in ihr ein Mensch zu sein.«
Er schwieg, und in seinen Augen stand die Freude am Leben.
Und Linde Baumgart sagte in die Stille des Abends hinein: »Die Quelle der Frau Christiane hat uns auch dies Mutterwort aus dem dunklen Berg in das helle Licht geholt. Mehr inwendig lernen — und weniger auswendig.« — —
Der Stille des Abends folgten sturmschwere Tage. Sendboten predigten ungestört in der Gegend ringsum, verwirrten die Begriffe, reizten die Arbeitsscheuen auf gegen die Arbeitsfreudigen. Mancherorts wurde mit Gewalt die Stillegung der Werke erzwungen, um jede und die letzte Obrigkeitsgeltung hinwegzufegen und den ungezügelten Willen an ihre Stelle zu setzen. Ein Wüten von Blinden und Tauben hatte begonnen, die um einer Handvoll rauschender Feiertage willen die Selbstvernichtung daran wagten, und in den Junitagen schlug der Name des Doktors Radermacher an Martin Opterbergs Ohr.
Er horchte auf. Ein schrilles Warnungszeichen war durch seine Seele gefahren.
Langsamen Schritts ging er über die Rheinwerft und suchte Christoph Attermann auf. Der Pflegebruder hörte ihn mit zusammengezogener Stirn an. »Ich ahnte es,« sagte er und stieß den Atem durch die Nase.
»Du ahntest es?«
»Es hat keinen Grund mehr, es dir zu verschweigen. Gestern ist die Linde Baumgart von einer Frauensperson auf der Straße angehalten und angeredet worden.«