Martin Opterberg trat vom Fenster zurück. Und während er sich ankleidete, sah er im Geist ein anderes Bild, und er sah die Gebrüder Barthelmeß und ihre ungezählten Genossen in fürstlichen Mercedeswagen durchs deutsche Land dahinsausen, zu entwertetem Geld die Lebensmittel vor den Hungernden und Verängstigten hinwegkaufen und sie gegen vollwertiges Feindesgeld durch das ›Loch im Westen‹ schaffen oder gegen Wuchergeld im Lande weiterverkaufen.
Ein Murren lief durch das verelendete Volk und wurde zum wütenden Aufbegehren, aber die Geier blieben unbehelligt, und die Kraftwagen sausten in Staubwolken durchs Land.
Am Abend dieses Tages saß Martin Opterberg in seinem Arbeitszimmer, und am Tisch ihm gegenüber, die Wange in die Hand geschmiegt, saß Linde Baumgart.
»Schau, Mädchen,« sagte er, als er seinen Bericht geendet hatte, »es scheint der Kampf der Besitzlosen gegen die Besitzenden, was wir in dieser Zeit erleben, aber es scheint nur so. Denn der ehrliche Besitz liegt längst in Todeszuckungen, und nur die dunklen Geschäftemacher blühen und gedeihen und verschleppen ihren Raub ins sichere Ausland.«
»Wenn es nur so scheint — was ist es denn in Wahrheit?« fragte Linde Baumgart und richtete den Blick auf sein gesammeltes Gesicht. »Weshalb wirft sich das ausgeplünderte Volk nicht auf jeden Wucherer und Verschieber?«
»Weil diese Menschenklasse einen rohen und ungebildeten Schlag darstellt, der in der niedersten Sprache zu sprechen weiß und großtuerisch-freigebig mit Tausenden um sich wirft, während er heimlich Millionen zusammenrafft. Ach, Mädchen, öffne deine Augen weit und blick tiefer. Es ist nicht der Kampf und Haß gegen den Besitz, den sich die neue Menschheit wohl über Nacht erwerben kann, es ist der Haß gegen die in der Zucht von Geschlechtern erworbene Vornehmheit, die sie sich nicht über Nacht erwerben kann, und wenn sie selber im gestickten Frack herumläuft und die anderen nur im gewendeten Anzug. Das, Linde, das ist der tiefste Grund des Kampfes.«
»Bleib nicht stehen, Martin. Sprich ein Wort dazu. Einen Hinweis auf eine Wandlung …«
»Zu einer Wandlung wird ein Menschenalter gehören und mehr,« sagte nachsinnend Martin Opterberg. »Sie reden so viel von einer Einheitschule für alle Besitzstände. Gut, sie sollen sie schaffen. Aber dann sollen sie auch die Auswahl, die sich herausarbeitet, als ihre Führer anerkennen und ihr geschlossen auf den Wegen folgen, die sie ihnen zur neuen Höhe weist. Entweder — oder!«
»Weißt du noch ein Wort, Martin, von den Dingen, die uns nottun? Ich möcht’ lernen.«
»Ja, Linde, ich weiß noch ein Wort von solchen Dingen. Ich hab’ unser hergebrachtes Christentum im Auf und Ab gesehen, und es hat die Probe nicht bestanden. Da sollten wir die alten Fäden nicht gedankenlos aneinander- und weiterknüpfen. Was uns nottut, Linde, und zumal uns niedergebrochenen Menschen in deutschen Landen, das ist: mit der Erneuerung des Menschentums eine Erneuerung des Christentums. Des Christentums als Kulturträger.«