Sie blickte in die Ferne, als suchte sie den Friedenstag — und schüttelte den Kopf.

»Nein, Martin. So wenig wie du. Und es ist recht so.«

»Aber du sollst dich mehr schonen und mir nicht abfallen vor der Zeit.«

Sie strich mit den Händen an sich herab, als er schon längst gegangen war, über die sehnsüchtigen Mädchenbrüste, über die verlangenden Arme … »Daß du mir nicht abfällst vor der Zeit,« hatte Martin Opterberg gesagt. »Vor der Zeit! …«

Noch immer hielt das Krachen und Niederstürzen im Lande an und, wie ein Hohn auf das Elend, die Schaffensunlust und die Gier nach mühelosem Erwerb. Eine Arbeitsniederlegung folgte der anderen, das Heer der Arbeitslosen wuchs, und allerlei dunkle Glaubensboten und Glücksverkünder tauchten auf, um die Leidenschaften anzustacheln und in der Trübung der Gemüter auf Beute auszugehen.

Martin Opterberg und seine Freunde arbeiteten unermüdlich. Mit jedem Meister und jedem Gesellen bis zum ungelernten Arbeiter hinab war ein besonderer Vertrag geschlossen, und alle die Männer schritten festen Fußes über den Werftplatz, als spürten sie unvergänglichen Heimatboden unter sich. Selbst Tillmann hatte sich an einem Morgen freiwillig eingefunden und bat Broich, ihn bei der Bewältigung der Briefschaften unterstützen zu dürfen. Das nahm der Einhändige mit Freuden an, und in der gewonnenen Freizeit richtete er zum Schutz gegen streifendes und plünderndes Gesindel eine Werftwehr aus den gedienten Leuten ein und verteilte die Wachen.

Und wieder ging Martin Opterberg auf die Reise. Er suchte die Reedereien des Niederrheins auf und holte Aufträge herein. Er besuchte die Holz- und Stahlwerke Westfalens und gab seine Bestellungen auf mit kürzester Lieferfrist. Seinem persönlichen Eingreifen gelang es, Widerstände auszuräumen und den Geschäftsverkehr trotz der sorgenvollen Zeit lebendig zu gestalten. Es ging ein starker Zukunftglaube von ihm aus, und man vertraute seiner Art.

In einer Arbeiterstadt des Rhein- und Ruhrgebiets verbrachte Martin Opterberg die letzte Nacht. Schon neigte sich der Mai dem Juni zu, aber die Nächte waren noch kühl in diesem Strich und der Frühling in diesem Jahre herber denn je. ›Und doch wird er kommen, denn es ist ein Naturgesetz,‹ dachte Martin Opterberg, der schlaflos lag. ›Den Glauben festhalten und bei der Stange bleiben!‹

Von der Straße her drang seit Stunden ein Murmeln zu ihm auf. Er öffnete das Fenster und blickte hinaus. In der grauen Dämmerung der Tag- und Nachtgleiche ersah er eine endlose Reihe von Karren und Handwagen jeder Art, die vom nahen Bahnhof bis tief in die Stadt hinein reichte. Hier und dort war ein Hund vorgespannt, die meisten aber wurden von Frauen und Kindern gezogen und geschoben. Jetzt hingen diese Menschen ermüdet und übernächtig an ihren kleinen Wagen und warteten, wie sie schon Stunden gewartet hatten. Vom Bahnhof her kam das Rollen eines einfahrenden Zuges. Der Pfiff der Maschine schrillte durch den ergrauenden Morgen und jagte die Müden aufhorchend empor. Die Väter kamen, die Mütter, die Brüder und Schwestern. Von den Bauernhöfen, viele Fahrmeilen weit, kamen sie zurück, zu denen sie am Abend nach der Tagesarbeit hinausfuhren, um Lebensmittel einzuhandeln. Unter Kartoffelsäcken stöhnend, mit Körben beladen, erschienen sie zu Hunderten auf dem Bahnhofplatz, und der Karrenzug setzte sich in Bewegung, die Füße liefen Trab, und plötzlich war es ein Anstürmen und wildes Anschreien der Hunderte von Erwartungsvollen gegen die Hunderte der heimkehrenden Nachtfahrer. Es war der Hunger, aber auch die Angst vor dem Hunger, und aus der Angst entsprang die Gier: erfassen, was zu erfassen ist.

Dann lag der Platz öd und stumm im Morgendämmern, und nur aus der Ferne knarrten die Räder, flogen zersetzte Ausrufe hin und her durch die Luft …