»Sprich weiter,« sagte Christoph Attermann. »Hier ist in Wahrheit Morgenluft.«

»Wenige Worte noch,« fuhr Martin Opterberg fort, »denn alle Einzelheiten findet ihr in diesem Betriebsplan ausgearbeitet. Worauf es ankommt, ist die Kerntruppe. Ein kleiner Stamm ist noch vorhanden. Ich weiß ein paar Dutzend Pioniere, die sich mit mir durch Dick und Dünn geschlagen haben, Leute von eisernem Pflichtgefühl im Leben und im Sterben, Zimmerleute und Maschinenschlosser für unsere Werft, Schiffer für unseren Frachtdampfer, der bald hinausgehen wird. Ich will zu ihnen und sie befragen. Um diese Kerntruppe soll sich der weitere Stamm bilden, sie soll die Arbeitsbedingungen und die Grundlöhne für die nächsten festsetzen wie auch die Entlassungsgründe, und mit den nächsten wieder für die übernächsten. So erziehen wir freie, selbstbewußte Männer und keine Knechte, und uns Führern wird freiere Hand und freieres Hirn für immer größere Aufgaben.«

Er dachte nach.

Vor seinem inneren Blick entstanden die Bilder des künftigen Lebens.

»Das ist das Ziel: aus unserem Volk ein Herrenvolk, ein Volk von Herren zu machen! Wenn ich in England, wenn ich in Amerika den geringsten Arbeiter spreche, so beansprucht er von mir den Titel eines ›Gentleman‹, und in Italien dreht euch selbst der herumlungernde Lazzaroni verächtlich den Rücken, wenn ihr in ihm trotz seiner zerfransten Beinkleider nicht den ›Galantuomo‹ begrüßt. Nur die Masse der deutschen Arbeiter suchte bisher ihre Ehre darin, als ›Proletarier‹ zu gelten. Hier muß der Hebel angesetzt werden. Von unten herauf, aus dem Kleinsten heraus muß das Volk und mit ihm das Vaterland zum Begriff der eigenen Würde herangebildet werden, denn weder Geldverdienen noch Geldvergeuden, nur das Bewußtsein der eigenen Würde bringt uns Freiheit und Menschenglück. Der Letzte unter uns muß ein Adeliger werden.«

»Wir gehen mit dir,« sagte Christoph Attermann, und Broich gab ihm mit kräftigem Schlag die gesunde Linke.

Eine Zeit rastlosen Schaffens brach für Martin Opterberg herein. Tage hindurch beriet er mit dem Pflegebruder und dem Freund Punkt für Punkt den neuen Wirtschaftsplan, und der ruhig wägende Jurist in Broich hielt gegen die vertrauensfreudige Denkart der Opterbergbrüder das Gleichgewicht und brachte Punkt für Punkt in die nüchterne, unangreifbare Fassung des Tages.

Dann blieb Martin Opterberg eine Woche verschwunden, und als er heimkehrte, konnte er von seinen alten Pionieren berichten, von denen er ein paar Dutzend aufgesucht und als Mitarbeiter am neuen Wirtschaftsplan verpflichtet hatte. Und schon griff er wieder die Wohnungs- und Siedlungsfrage auf. Da lag das vor Kriegsausbruch gekaufte Gelände mit halbverfallenen Bauernhäusern, die von den einstmaligen Pionieren gleich nach ihrem Eintreffen niedergelegt und mit den alten Baustoffen neu wieder aufgerichtet wurden.

»Schon’ dich,« bat Linde Baumgart, wenn sie ihn eine Stunde lang zu Hause sah.

»Bis der Friede unterzeichnet wird und das Leben wieder in seine Bahnen fluten kann, müssen wir fertig und bereit sein, Linde. Könntest du eher Freude gewinnen, Mädchen?«