Tillmann schwieg. In seinen Augen flackerte und funkelte es. Der ganze, ein Jahrzehnt lang angesammelte Grimm des unterjochten Mannes durchtobte ihn. Und plötzlich schlug er in die Ergriffenheit der Freunde wie mit der Fastnachtpritsche hinein:

»Bemogelt hab’ ich sie trotzdem. Des freut’ sich meine Seele. Bemogelt, wie der Schoßhund seine Herrin bemogelt, wenn er brav durch die geöffnete Haustür schreitet und draußen, hast du nicht gesehen, um die Ecke wischt. Vom ersten Ehetag an hat sie mir Taschen und Schreibtisch durchsucht, aber nichts fand sie, nichts als alte, vergilbte Liebesbriefe aus Großmutters Zeiten, und die sammelte ich als Kunstgelehrter und Kulturforscher, je mehr, je lieber. Da hatt’ ich ein lustig Mittel für meinen lustigen Briefwechsel gefunden. Tusche, meine lieben Freunde, ein bißchen chinesische Tusche in ein paar Tropfen Milch verrieben — Herr meines Lebens, das wurde eine Tinte, so grau und gilb auf dem Papier, als wär’ sie in der Biedermeierzeit aus dem Federkiel geflossen. Damit hab’ ich sie angeführt. Mit der Milchtusche, meine lieben Freunde, die ich als Zeichen meines Vertrauens vergab, wenn mich der Nasenring verrückt machen wollte. Nun ist es kein Geheimnis mehr. Ich habe es der Allergnädigsten zum Zeichen meiner Dankbarkeit mitgeteilt.«

Und nun lachte er, bis es ihn wie ein Weinen schüttelte.

Frau Therese Attermann war auf den Widerstandslosen zugetreten. Ruhig und schlicht.

»Jetzt werden zunächst die Kräfte gesammelt und die Nerven zurecht geflickt. Dazu ist dies gerad’ das rechte Haus. Denn dies ist ein Freundeshaus für den Sommer und Winter im Leben. Ausgeschlafen, ausgeschlafen! Wir sterben noch lange nicht.«

Tillmann erhob sich. Er kam zu sich und starrte verwirrt auf die Sprecherin. Und dann ergriff er ihre Hand, drückte seine Lippen darauf und ging auf sein Zimmer.

»Was tun wir mit ihm?« fragten sich nach einer lastenden Pause die Männer.

Und Linde Baumgart sagte und atmete tief auf: »Die Therese hat’s ja schon ausgesprochen. Er ist jetzt unter Freunden. Und die Freunde werden ihn wieder zum Menschen aufrichten, indem sie ihm wieder zum Arbeiten aufhelfen. Wenigstens würd’s so die Frau Christiane halten.« —

In dieser Zeit hatte Martin Opterberg seinen neuen Wirtschaftsplan vollendet, der kühn und klar den alten erweiterte und die Arbeitsleistungen heben sollte durch gehobene Arbeitsfreudigkeit.

»Um uns her kracht es vom Niedersturz,« erklärte er den Freunden Attermann und Broich. »Eine alte Welt, eine altgewordene Menschheit bricht zusammen. Wir wollen eine neue errichten helfen. Nicht mit der Gewalt, mit der Erkenntnis. Noch stärker als bisher wollen wir die Arbeiter beteiligen und alle Angestellten. Jeder soll erlernen können, wie man durch Kopf- und Handarbeit in die Höhe gelangt, wenn man sich selber einsetzt. Jeder soll durch erhöhte Gewinnbeteiligung das Werk, was er schafft, nicht mehr als ein fremdes, sondern als ein eigenes ansehen lernen, für das er einsteht mit seinem Stolz und seiner Kraft. Ähnlich, wenn auch in kleinerem Ausmaß, hielt ich es ja schon früher. Jetzt aber hab’ ich einen weiteren Schritt getan und eine neue Werftordnung geschaffen. Ich begebe mich eines Teiles meiner Rechte zugunsten des Ganzen. Freiwillig und vertrauensvoll lege ich die Angelegenheiten meiner Mitarbeiter in ihre eigenen Hände. Sie sollen sich selbst regieren nach einem frei von ihnen erwählten Gesetz, bei dessen Grundlegung wir nur ihre Berater sein wollen, und da sie am Aufblühen und Gedeihen des Werkes mit Geldeswert beteiligt sind, werden sie die Faulen und Unbotmäßigen von selber ausmerzen. Alles dies, wenn mein Teilhaber Christoph Attermann zustimmt und unser kaufmännischer und juristischer Leiter Broich meine Aufstellungen geprüft und gebilligt hat.«