»Was nun mit ihm? Sein Notruf geht an die Freunde.«
»Laßt ihn herkommen. Viele schauen anders aus, als sie schreiben. Oft leichtfertiger, oft zerschlagener.«
Und Tillmann kam. Sein einst so gutgehaltener Körper war durch die schwere Schanzarbeit ausgereckt, seine Arme erschienen länger, seine Hände hingen breit und plump in den Gelenken. Ein gequälter Zug stand in seinem Gesicht und ein aufflackerndes Mißtrauen in seinen Augen. Er stieg im Hause Attermann ab und redete in den ersten zwei Tagen kaum ein Wort.
Frau Therese ließ ihn ruhig gewähren. Mit dem geschärften Blick der Ärztin erkannte sie sofort die seelische Natur seines Leidens und den knirschenden Kampf zwischen Haß und Scham.
Scharf und argwöhnisch beobachtete er seine Gastgeberin. Aber als sie sich in ihrer frohen Güte immer gleich blieb und keinerlei Unterschied zwischen ihm und den anderen Freunden machte, wurde sein Blick ruhiger, und der Mund fand ein Dankeswort.
»Ich bin wie ein mißtrauischer Hund. Ihr müßt mir das schon verzeihen. Aber wer das durchgemacht hat in der Gefangenschaft« — er ballte wie im Krampf die unförmig gewordenen Hände — »dieses Angespucktwerden von Frauen und Kindern, dieses Herumgestoßen- und Getretenwerden von Aufsehern und Soldaten, dies hämische Angelocktwerden, um zum gemeinsten Schabernack zu dienen, dem ist es gleichgültig geworden, ob er im Steinbruch gearbeitet hat, bis er zusammenbrach, oder ob er blindgegangene Granaten aus den Ackern buddeln mußte und jederzeit in Fetzen fliegen konnte.«
Erst hatte er langsam und mit schwerer Zunge gesprochen. Dann aber geriet er in eine Hast, und die Worte überstürzten sich.
»Ohne Waffe, mit der Schippe in der Hand, wurden wir aus dem Grabenstück herausgeholt, wie eine Herde Vieh wurden wir behandelt. Einerlei — alles einerlei. Einmal mußten wir ja erlöst, heimgeschickt, von der dankbaren Heimat wehmütig ans Herz gedrückt werden. Herrgott, die Träume — die verrückten Träume! Ein ganz neues Leben hab’ ich mir ausgemalt. Zusammengehörigkeitsgefühl in dieser Zeit der Not und Schmach. Und eine Reinigung, ein Emporsteigen durch den neuen Arbeitswillen. An eine weinende Frau dacht’ ich. Bei Gott, es war nur eine keifende.«
Die Freunde saßen stumm und schauten zur Erde. Und der Ergrimmte fuhr fort, sich zu befreien.
»Ja, ja, ja, sie war es satt mit dem Herumtreiber, gründlich satt. Der Mensch hatte sie ja schon in Friedenszeiten bloßgestellt und im Kriege lächerlich gemacht. Und jetzt kam er wie ein Straßenlump daher, der sich bei Tische kratzt und seine Kotstiefel auf ein geblümtes Kanapee streckt. O nein, gesagt und ausgesprochen hat es die geborene Klarenbach nicht, aber fühlen lassen hat sie es mich, so todmüd ich war, und ein beständiges Gezeter unterhalten, das um den Kern der Sache herumschoß wie die Katze um das Wollknäuel und mir langsam und sicher die Scham vor dem eigenen Leib aus allen Poren trieb, als hätt’ ich den Aussatz. Und dann kam der Haß hinzu, der Haß auf die Frau, die mich wie einen jungen Tanzbären am Nasenring herumgeführt hatte, um mich in die Ecke zu jagen, als sich Motten im Pelz zeigten. Diese Motten aber hatte ich vom deutschen Vaterland statt Orden und Ehrenzeichen erhalten, und als sie mich darum schmähte, nahm ich den letzten Rest von Anständigkeit zusammen und warf sie aus dem Zimmer. Schlußerfolg: Gegenseitige Klage auf Grund gegenseitiger Abneigung.«