An einem dieser Abende brachte Broich einen Brief mit, den er am selben Tage von Tillmann erhalten hatte. Der Armierungssoldat und Kunstgelehrte war, kurz nach der letzten Begegnung mit Martin Opterberg und Christoph Attermann, bei einer Grabenüberrumpelung in französische Gefangenschaft geraten und nun mit einem der ersten Gefangenenschübe ins Rheinland zurückgesandt worden. In dem Briefe bat er um eine Unterredung mit den Freunden, da er »auf Grund gegenseitiger Abneigung« die Scheidung von seiner Frau und diese die Scheidung von ihm beantragt habe.
»Nie ist eine Abneigung gegenseitiger gewesen,« schloß er grimmig, »und das ist meine einzige Genugtuung.«
Über nichts anderes wurde an diesem Abend gesprochen als über den begeisterungsseligen und so übel entgleisten Fuchsmajor der Freiburger Burschenschaft. Die Freunde riefen sich das Bild des flotten Studenten auf dem Kneip- und Fechtboden in die Erinnerung zurück und gedachten des Eindrucks, den der schwärmende Führer bei ihrem ersten Anstieg auf die Schloßberghöhen in ihrem jungen Blut hinterlassen habe. Und die Frauen rühmten sein ritterlich Wesen auf Wanderungen und Schneeschuhfahrten. Aber auch seine Wandlungen seit Eingang der Ehe mit der verwöhnten und anspruchsvollen Klarenbachin erwähnte Broich, seinen wissenschaftlichen Müßiggang und sein Beharren im studentischen Ton und Gehaben.
»Sie hat ihn doch gewählt, weil er ihr von allen der Liebste war,« meinte verwundert Frau Hilde Broich.
Therese Attermann schüttelte nachdenklich den Kopf. »Sie hat ihn gewählt, weil er ihr, solang sie selber Studentin war, in seiner Fuchsmajorwürde und freiherrlichen Burschenart den stärksten Eindruck machte. Das galt für das kleine und genügsame Freiburg und für das romantische Studentenleben. Für das reiche und großartige Düsseldorfer Fabrikantenleben langte die Fuchsmajorwürde nicht aus und hielt darum die Mädchenbegeisterung nicht vor.«
»Aber sie hieß doch die eifersüchtigste Frau weit und breit?«
»Weil sie ihn nährte und kleidete und darum als ihr alleiniges Eigentum ansah. Das ist durchaus bezeichnend für diese Frauenart und braucht mit einer Liebesregung nichts mehr zu tun zu haben.«
»Aber sie war ihm treu,« sagte Martin Opterberg.
Therese Attermann sann nach. Ihre Augenbrauen rückten aneinander.
»Ich mag das nicht für ein Verdienst halten. Er mußte ja jeder ihrer Winke gewärtig sein. Es gibt eine Treue, und ich weiß es aus den Vorkommnissen in meinem Beruf, eine hirn- und seelenlose Treue, die den Mann bis zur eigenen Untreue plagen kann. Mir scheint, der Heißkopf Tillmann ist auf ein totes Gleis verfahren worden, als er allzu hastig nach dem goldenen Vögelchen griff.«