»War das die große Feierlichkeit wert? Ich hab’s mir schon halb und halb gedacht und auch mit den Attermanns besprochen.« Sie knixte lachend. »Morgen kann ich Einstand halten und bitt’ um gute Behandlung.«
»Mädel …,« sagte er, und dann ging er weiter.
Von Stund’ an aber regte sich das Leben wieder im Opterbergschen Haus und lief durch alle Räume und suchte die Freude und fand sie allenthalben. Linde Baumgart leitete in Küche und Keller ein stämmiges Westfalenmädchen an, und so stark machte sich die Schule der Frau Christiane geltend, daß es Martin Opterberg oft war, als wäre er daheim in der Hut der Mutter. Oft blieb er am Abend noch ein Stündchen am Eßtisch sitzen und horchte auf ihr wohltuendes Geplauder. Öfter aber noch nahm er sie mit in sein Arbeitszimmer hinüber, wo sie still mit einem Buch unter der Lampe saß, immer bereit, auf eine Frage eine Antwort zu erteilen. Mehr und mehr führte er sie in seine Pläne ein.
An einem Abend erzählte er ihr von dem Jugendfreunde Broich und dem Wiedersehen in Düsseldorf. »Als Hauptmann ließ er dem Vaterland seine rechte Hand. Jetzt verkauft er ebenso stolz mit der Linken Zeitungen, und Frau und Kinder helfen ihm. Diese heilige Anschauung von Arbeit und Familienleben hat einen starken Eindruck auf mich gemacht.«
»Ich wüßt’, was ich tät’,« sagte Linde Baumgart.
»Dann laß es mich auch wissen.«
»Aus solchen Hauptleuten müßt’ sich das ganze Volk zusammensetzen, wenn’s wieder werden wollt’. Ich würd’ ihn, wenn ich der Martin Opterberg wär’, zu mir holen und ihm die kaufmännische Leitung des Werks übertragen. Und ich hätt’ nicht nur den zuverlässigen Mann, sondern auch ganz nah bei mir den Freund. Alte Freunde aber bedeuten neue Jugend.«
Einen Monat später siedelte der einhändige Broich mit Frau und Kindern über. Er schlug seine Wohnung im Geschäftshaus der Werft auf, und es war vor allem Therese Attermann, die der Jugendfreundin und einstigen Mitstudierenden mit Rat und Tat zur Seite stand. Allwöchentlich fand sich der Freundeskreis zu einem Plauderabend zusammen, abwechselnd im Hause eines jeden, und die Freiburger Erinnerungen stiegen auf, wurden lebendig und in heitere Verklärung gesetzt.
Auch nach der Lautenspielerin wurde verlangt, aber Therese Attermann verschloß sich zum ersten Male den Bitten der Freunde und selbst denen ihres Mannes und blieb dabei, das Erinnerungsbild würde Schaden leiden, wenn sie hier die Jugend von ehemals vortäuschen wolle, und das leide ihre weibliche Eitelkeit nicht. Darum müsse ihre um so viel jüngere Schwester Linde die Rolle übernehmen.
Da sang Linde Baumgart die Lieder zur Laute an der Schwester Statt, die alten Volks- und Liebeslieder, die voll von der Sehnsucht sind und ihren Erfüllungen. Das Lachen ihrer Augen schwand und wurde ein fernes Fragen und Horchen. In sich gekehrt und dem Kreis entrückt saß sie und schmiegte die Wange an den Lautenhals, wie es einst die Therese Baumgart getan hatte in den Tagen der Schwarzwaldwanderungen, und Martin Opterberg schaute mit gebannten Augen auf das Bild, wie es Therese Attermann tat, die mit feuchten Augen lächelte …