»Die Mutter meint,« rief Martin Opterberg, »Einsamkeit und Tod ist noch lange nicht dasselbe.«
»Noch lange nicht,« bestätigte die Frau, und ihre Augen weiteten sich.
»Die Frau Pate meint: Und wer nicht tot ist, der hat zu leben, und, aus der Höhe betrachtet, lauft’s da drunten durcheinander wie Ameisen, die einen nicht schrecken.«
»Richtig, Christoph Attermann. Das mein’ ich. Und wenn du es dann droben in der einsamen Höh’ einem gleichartigen Gefährten mitteilst und er es dir bejaht, dann wird euch euer ernstes Wissen zur fröhlichen Gewißheit, und ihr habt erst die rechte Freude am Leben, weil’s nimmer ein Fürchten gibt.«
»Mutter,« sagte der zwölfjährige Sohn aus Sinnen heraus, »hast du einen solchen Gefährten?«
»Ich hab’ dich, und du hast den Christoph, und so hab’ ich euch beide. Vorwärts, ihr Buben, und nehmt die Schuhe in die Hand. Wir betreten geheiligtes Land, wie’s in der Schrift heißt. Spannt die Horcher auf. Hört ihr’s seufzen und singen? Das ist ein Mutterlied und ein Kinderlied. Drauf zu und nehmt’s in euch auf. Nehmt die ganze Brust voll. Noch ein paar hundert Schritt’ und Sprüng’ über das graue Geröll, zwischen die Felsen hindurch« — sie nahm beim Anschreiten den einen Buben links, den andern rechts an sich in Wanderfreude — »ah, da haben wir’s erreicht … Hier wird der Rhein geboren.«
Und plötzlich spürte sie, wie links und rechts die klammernden Knabenfäuste sich tief in ihre Arme gruben.
Kristallen und blau blitzte die Angewurzelten der winzige Spiegel des Tomasees an, von steilen Felsen und dunkel wuchtender Bergwelt wie von Wimpern und Brauen umgürtet. Kaum ein Fußbreit Land, um heranzutreten. Steinblöcke, Jahrtausende alt, schirmen den Zugang zu dem Wunder der Zeugung, das, dem Auge verschleiert, in dreifacher Kraft aus dem Gletscherspalt quillt, aus Felsentiefe bricht, aus dem Grunde des Bodens steigt, um in der Muschel des Sees in kristallener Bläue das Auge aufzuschlagen.
Machtvoll in ihrer Mutterschaft und in ihrem Mutterstolz auf das geheime Wunder lag die wilde Bergwelt Graubündens, türmten sich die himmelstürmenden Gipfel, sprangen die weißen Brüste der Gletscher in Urkraft hervor. Ein Gebietendes und doch alle Wünsche Stillendes lagerte in der Luft, und die Knaben rangen nach einem Wort.
Und Martin Opterberg sagte so leise, als ob er ein Geheimnis sage, und seine Augen hafteten an dem spiegelblanken Wasser: »Mutter, das ist — wie die Farbe deiner Augen. So blau — und so kristallen.«