»Fandst du nicht, Christoph, daß sich die Therese Baumgart verändert hat? Es ist ein Zug Hausbackenes in sie hineingeraten.«

»Ich fand nur einen vertieften Frauenernst, wie ihn die vertieftere Erkenntnis vom Leben mit sich bringt. Als wir noch Buben waren, sagte die Mutter einmal: ›Seht darauf, daß euch immer das richtige Zeitalter zu Gesichte steht.‹ Das war auf den Professor Barthelmeß gemünzt. Du weißt ja, der sich immer auf den goldenen Jugendleichtsinn herausspielte und die Seinen schmarotzen und borgen ließ. Die Therese Baumgart hat heute das Gesicht, das ihr ansteht.«

»Also hab’ ich’s nicht. Darauf kommt’s hinaus.«

»Mir scheint eher, Martin, es macht dir augenblicklich noch keine Freud’, es zu haben. Denn auf die Dauer bist du ja viel zu stolz von der Mutter her, unter einer Maske herumzulaufen und nach Lärvchen auszuspähen, statt nach Gesichtern. Nein, nun laß mich meine Standred’ zu Ende halten, Bruderherz. Das Theresel kam dir blaß und schmächtig vor. Woran lag’s? Es war einer zuviel bei der Partie und hinderte das nähere Zuschauen. Das wollen wir schleunigst ändern.«

»Also mach du mit ihr die Fahrt durch die Bergstraß’ und laß mich daheim.«

»Ah,« sagte Christoph Attermann gedehnt. »So ist’s gemeint? Dann ist’s schon besser, wir drei bleiben noch eine ganze Weil’ beisammen.« — —

Nur eine Fahrt machten sie zu dritt von der weinfrohen Bergstraße aus in den sagenrauschenden Odenwald. Als das Sommersemester sich neigte. Fast in der Mitte zwischen Heidelberg und Darmstadt, in dem uralten Städtlein Auerbach, dessen gewaltige Burg Karl der Große baute, trafen sie zusammen. Und gleich begann der Marsch in den grünwogenden Wald.

»Sieh dorthinaus,« bat Christoph Attermann die Gefährtin, »die Ruinen bildeten einmal das sagenhafte Kloster Lorch, in das sie die Leiche Siegfrieds trugen, als er hier im Odenwald erschlagen war. Und viel blutige Geschehnisse aus der Karolingerzeit drücken auf die Mauern.«

»Weshalb heißt es der Odenwald?« fragte die Gefährtin.

»Weil der Wald so öde war. Nichts als Bäume und seltsame Felsenmeere.«