»Und die Händ’ sollen sie lassen vom Wiederaufbau,« setzte Christoph Attermann hinzu. »Wie’s der Wahnsinn der Franzosen nach dem Dreißigjährigen Krieg im Raubüberfall zersprengt hat, so muß es erhalten bleiben. Ein Wahrzeichen: auch unter Trümmern sterben wir nicht.«
»Nun ist die Reih’ des Gebets an Therese Baumgart.«
»Ich denk’ wie ihr,« meinte das Mädchen aus seinem Sinnen, »und ich denk’ hinzu: Nur, wo unsere schönsten Gedanken und Erinnerungen aus den zerbrochenen Säulen und Bildwerken das alte Wunder neugestalten und ausschmücken dürfen, wird es ein Märchen. Und Märchen machen glücklich. Ich kann sie lesen, wann ich will, und immer mir das meine daraus lesen.«
»Du hast das Rechte getroffen,« sagte Martin Opterberg. »Unsere Märchenschlösser müssen wir uns selber bauen und selber bevölkern können. Das trifft der gescheiteste Baumeister nicht. Hier zwischen Moos, Efeu und Heckenrosen in den Trümmern liegen, ein Mädchen im Arm, und wortlos, wortlos die versunkene Welt beschwören, bis sich die Zinnen heben, Fahnen von den Zinnen wallen, weiße Frauenarme von den Marmoraltanen winken und goldengerüstete Ritter zu unserem Verstecke sprengen, um uns einzuholen in feierlichem Zuge.«
»Es gibt ein noch schöneres Plätzchen, um hinunterzulauschen in die Vergangenheit. Kommt,« bat Therese Baumgart, »ich führe euch. Hoch oben im Wald ist’s gelegen.«
Kaum einen Seitenblick schenkten sie dem Keller mit dem Heidelberger Faß und dem Säuferzwerg Perkeo. »Das ist der Jahrmarktsgroschen für den Herrn Gevatter, dem es derber kommen muß als Elfenzauber,« riefen sie sich lachend zu, stiegen den Waldweg hinauf zur Molkenkur, träumten ein Stündlein mit weitgeöffneten Augen im Grase, als läge unter ihnen die waldgebettete, efeuumsponnene Ruinenwelt auf einem anderen, fremden Stern, und stiegen noch einmal bis zur Höhe des Königstuhles und sahen nichts mehr zu Füßen als ein grünwogendes Wäldermeer.
Im Abendschein ruderten sie auf dem Neckar. Es waren viel Boote draußen mit buntbemützten Studenten und andere mit den schönen Jungmädchen der Stadt. Von hüben und drüben warf man sich Rosen in den Kahn, und als Martin Opterberg einen wilden Bergjauchzer tat, reckten sich die weißen Hälslein nach ihm, und es gab einen Rosenregen über seinem Haupt. Da lachte er aus vollem Herzen und breitete den Spenderinnen die Arme entgegen.
Der letzte Zug erst entführte die Freunde nach Darmstadt, und doch war der Tag nicht ausgeschöpft. Das empfanden sie, weil sie sich wortarm im Abteil gegenüber saßen.
»Morgen hab’ ich einen heißen Arbeitstag,« sagte kurz vor der Ankunft Martin Opterberg.
»Ich nicht minder, Martin, und das Theresel kaum anders.«