Martin Opterberg reichte ihr beim letzten Bergan die Hand und hielt sie eine Zeitlang in der seinen.

»Ich hab’ so dahergered’t, Theresel. Die Jugend macht mir halt immer noch so warm, daß ich fast mein’, ich dürft’ sie nimmer und nimmer auslassen. Und nun gar noch vorzeitig Schluß machen, wie die Freunde zu Freiburg? Ach, du verstehst mich schon.«

»Bist halt immer noch das Sturmherz?«

»Es stammt vom Vater, Therese. Von der Mutter hab’ ich die heiße Arbeitsfreud’, die der Vater nimmer besaß. Hoffentlich wird’s ein Ausgleich.«

»Der Martin ist ganz einfach überarbeitet,« erklärte Christoph Attermann ruhig, »darüber helfen selbst die schönsten Wörter, die ihr tauscht, nicht hinweg. Er ist seit der Bubenzeit an die freie Natur gewöhnt, und wenn du ihm ein Arzneilein verschreiben willst, das ihm hilft und auch dir, so schreib zuweilen im Brief: Wir wollen nächsten Sonntag durch den Odenwald rennen oder die Bergstraß’ entlang durch die Weindörfer.«

»Christoph, wenn Mutter Christiane wüßt’, daß du schon wieder der Medizinwissenschaft ins Handwerk pfuschst! Aber ich will das Rezeptlein schreiben.«

»Still,« bat Martin Opterberg und zog ehrfürchtig den Hut vom Kopf. Sie hatten im Gespräch die Elisabethpforte durchschritten, die gesprengte Bastei, den Stückgarten durchquert, waren über die Burggrabenbrücke und durch den vierkantigen großen Wartturm gelangt und standen im Schloßhof, im Märchenhof der Wunder und Träume.

»Mein Gott,« stieß Martin Opterberg hervor, »ist das möglich …«

Und die anderen taten wie er und gingen über den moosbedeckten Hof, den die rotleuchtenden Sandsteinbauten wie ein Prachtgeschmeid von Schlössern und Burgen umgaben, auf Zehenspitzen einher, als fürchteten sie, aus den zerborstenen Mauernischen ein Elflein aus dem Sommermittagschlummer aufzustören oder den großen Pan selber.

»Muß man wirklich wissen,« sagte Martin Opterberg leise, »daß das eine rosenrote Wunder der Otto-Heinrichsbau geheißen ist und das andere der Friedrichsbau? Und daß das dritte Wunder der gläserne Saalbau genannt ward und das vierte der Frauenzimmerbau und das fünfte der Ruprechtbau und was sonst noch immer? Fragt man im Märchen nach Nam’ und Art? Da heißt es: es war einmal ein Königssohn, der auszog an den Hof einer Prinzessin, und die war so schön … Und hier schauen uralte deutsche Kaiser und Könige, Kurfürsten und Pfalzgrafen aus den Fenstern und blinzeln in die pralle Sonne und wohl auch ein wenig nach dem Frauenzimmerbau. Kinder, und wenn mir jetzt einer daherkäm’ und würd’ mir Sprüche machen von Gotik und Frührenaissance oder gar von köstlicher bengalischer Beleuchtung, ich tät’ den Lästerlichen wegen Gottesdienstschändung hinunter befördern bis in den Neckar.«