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Da lag die alte, liebe Stadt zu Füßen. – Da krochen die alten, lieben Gassen wie ehedem den Berg hinan, wie heimliche Liebhaber auf gewundenen Pfaden, und umkreisten das Landgrafenschloß, das sechs Jahrhunderte und mehr ihnen zuwinkte und doch nur schöner geworden war.

Da breitete sich die stille, grüne Ebene weit hinaus, so weit, wie man Gedanken senden kann, bis zu der Hügelkette, die den Horizont erklomm, die Äste ihres Waldgebietes ausspannte und den ziellos schweifenden Gedanken zurief: Bleibt hier – nutzet den Tag! …

Und aus der Ebene lachte das sonnenglitzernde Gewässer der Lahn, und ein Frühlingswind, der nicht mehr als ein Streicheln war, trug spielerisch die Blütenblätter der Obstbäume mit sich und streute sie über den Fluß. Da war's, als ob auch die alte Lahn im Brautgewande schimmerte und verstohlen nach dem Bräutigam hinaufblinzelte, der alten Stadt Marburg, aus deren Höfen und Gärten blühendes Strauchwerk hervorsproß wie Blumensträuße am Hochzeiterrock.

Und Stadt und Schloß, Flußtal und Berghänge, die sich seit Jahrhunderten schon ihre Liebe kund taten, waren nicht älter und waren nur schöner geworden.

»Wie ist das möglich …?« fragte sich der Mann am Fenster, »wie ist das möglich? Sechs Semester hab' ich hier einmal durchtobt und später geglaubt, alles das wäre nur mit den leicht entzündbaren jugendlichen Sinnen aufgenommen worden. Und nun ist das alles so geblieben und blüht noch stärker und setzt sich über Zeit und Alter hinweg. Und auch – über mich. Und lacht über meinen Professorentitel und über meinen Lebensernst … Oder ist es nur ein wenig Spott, weil ich mich hier – mit Farben schmücke – von denen meine Seele – nichts mehr weiß?«

Ein gespannter Zug trat in sein Gesicht. Als wäre ein Gedanke in ihm aufgetaucht, den er sich mühte bis zu seinem Ausgangspunkt zu verfolgen. Und die Spannung löste sich in eine Versonnenheit, und die Versonnenheit wurde zu einem Lächeln, das sich heimlich aufmachte und suchend durch die Gassen irrte und fand und verharrte und weiterzog und wieder fand.

»Der lange Ritter –! Der dicke Baum – ›Deutschlands Eiche‹ genannt –! Lindner, der knabenhafte ›reine Tor‹ –! Sein Gegenspiel Werder, der große ›Amoroso‹ –! Die ganze Schar –! Und mitten darunter – war er das nicht, Klaus Kreuzer, den sein eigenes Lächeln jetzt begrüßte – der übermütige Junge da mit der Mütze im Nacken, den Rock auseinandergeschlagen, auf daß man das hehre Dreifarbenband gebührend sehe und respektiere, dem herausfordernden Blick, der immer zum Waffengang zu laden schien?«

Und das Lächeln verweilte, wurde unruhig und nahm Abschied.