Da rieben sich die Asen vergnügt die Hände. »Fordere was du willst.«
Und der Baumeister sprach:
»Wenn ich die Burg innerhalb der genannten Frist und ohne auch nur einen Tag darüber hinaus zu gebrauchen, errichtet habe, so sollt ihr mir als Lohn Freya, die Liebliche, zur Frau geben und zu ihrer Bedienung die Sonnenjungfrau und die Mondjungfrau. Bedarf ich zu meiner Arbeit auch nur eines Tages Länge mehr, so habt ihr das ganze Werk, das ich geleistet habe, umsonst und ohne Entgelt, und ihr könnt mich von hinnen jagen.«
Da wurden die Götter ernst und traten zum Rat zusammen. Sie fühlten ihre Zusammengehörigkeit als ihr Heiligtum und wünschten den Verlust der wärmespendenden Freya und der lichtspendenden Jungfrauen Sonne und Mond nicht aufs Spiel zu setzen. Schon wollten sie das Ansinnen des starken Baumeisters als eine Beleidigung zurückweisen, als Loki, der Vielgewandte, das Wort ergriff. Er bewies den ernstgewordenen Asen, daß es selbst für sie, die Götter, eine Unmöglichkeit wäre, Asgards Veste in einem Winter zu erbauen, um wie viel mehr für diesen grobknochigen Schwätzer, der sich großtuerisch vermesse, die ganze Arbeit allein zu verrichten und nur mit Hilfe seines Pferdes. Jedenfalls aber würde der Fremde in seinem Ehrgeiz ein hübsches Stück Arbeit zuwege bringen, bevor er weggejagt würde, so daß den lachenden Göttern nur noch die letzte Vollendung des Werkes übrig bliebe. Und Loki redete so lustig und listig, daß er die Lacher auf seiner Seite hatte und sie ihm zustimmten, ohne an seine Heimtücke zu denken. Loki selber aber dachte sehr wohl an das Fehlschlagen seines Rates. Seine Eifersucht jedoch erhoffte immer aufs neue ein Aufsteigen seiner persönlichen Macht, sobald die Macht derjenigen Götter, die ihm an Kraft und Ansehen überlegen waren, geschwächt wurde.
Der Baumeister wurde vor den Rat gerufen. Der Tag des Winterendes wurde auf die Stunde bestimmt und dem Festungsbauer Freya als Gattin zugesprochen und die Jungfrauen Sonne und Mond als Dienerinnen, wenn der Vertrag pünktlich eingehalten und eingelöst werde.
Der Baumeister verlangte zur Bekräftigung den Eid der Götter.
Da beschwuren die Götter die Wahrhaftigkeit des Vertrages mit ihren höchsten Eiden. Nur Donar, der donnernde Thor, schwur nicht mit. Denn er war nicht anwesend und, wie immer vielbeschäftigt, ausgezogen, um den im Schweiße ihres Angesichtes arbeitenden Bauern beizustehen gegen die zerstörenden Gewalten aus Utland, dem Riesenheim.
»… umschlang mit seinen Armen die höchsten Felsenberge …«
Der Baumeister begann, ohne zu zögern, mit der Arbeit. Er reckte seine Glieder ins Ungeheuerliche, umschlang mit seinen Armen die höchsten Felsenberge, hob sie aus dem Grund und spannte sein Roß Swadilfari vor, das sie mit Windeseile zu dem Bauplatz zog, wo der ungetüme Meister sie kunstgerecht schichtete. Tag und Nacht war Mann und Roß bei der Arbeit, und die Burg wuchs und wuchs, und staunend standen die Götter. Aber in ihr Staunen trat bald eine tiefe Beklommenheit, und die Beklommenheit wandelte sich in blassen Schrecken, als nur noch acht, dann fünf und jetzt nur noch drei Tage zwischen der letzten Vollendung der Burg und der Auslieferung der geliebten Göttinnen lagen. Eifernd zog Freya umher, traurig schlichen ihre Freundinnen Sonne und Mond ihr nach.