Allvater erforschte die Drei, als er in einsamer Stunde den Runenzauber befragte nach den Feinden Asgards und der Asen. Die Götter gingen zu Rat und beschlossen, den Riesen die Kinder Lokis abzufordern, da sie zum Wohnsitz des Vaters gehörten. Die Riesen willfahrten knirschend, denn noch wagten sie nicht offene Auflehnung gegen ihre Beherrscher.
Die Götter prallten zurück, als man die Scheusale vor sie brachte. Lokis Brut zu ermorden, widerstand ihnen an geheiligter Himmelsstätte. Aber unschädlich sollte sie gemacht werden. Und Wodan packte die Schlange und schleuderte sie in das Meer, das sich brausend um Midgard schlingt, und die Midgardschlange dehnte ihren eklen Leib, daß er rund um die Erde reichte und das Meer erfüllte, und sie biß sich mit scharfem Gebiß in den eigenen Schwanz, also, daß sie einen ungeheuren Ring bildete. Das grausige Weib, die Hel, verbannte Wodan in die tiefste Tiefe von Niflheim und setzte sie über die Totenwelt, in die nur gelangte, der an schleichendem Alter und Krankheiten aller Art, nicht aber an ehrlichen Schlachtenwunden gestorben war. Und Hel trat die Herrschaft an und war eine unerbittliche Forderin des Todes.
Noch war der Fenriswolf zurückgeblieben. Erst trieben die Götter ihren Scherz mit dem Wilden. Aber das Ungetüm wuchs mit jeder Nacht und drohte jeden zu verschlingen, der sich ihm näherte. Da hielten es die Götter bald für rätlich, ihn in Fesseln zu legen.
Sie wanden eine Schlinge, fesselten sich selber damit und zerrissen sie vor des Wolfes Augen.
»Nun, Fenris,« sprachen sie, »bist du auch so stark, so tue es nach.« Der Wolf ließ sich binden und sprengte die Fessel mit einem Ruck.
Da wanden die Asen eine dreifach starke Schlinge und reizten den Wolf, bis er sich wieder binden und schnüren ließ. Dreimal mußte der Wolf anrücken. Dann sprang die Fessel in Stücke.
Zu den kunstreichen Zwergen sandte Wodan und befahl ihnen, eine Fessel herzustellen, die nicht zu lockern sei. Und die Zwerge suchten die seltensten Stoffe aus aller Welt zusammen, Barthaare eines Weibes, Wurzelfasern eines Felsen, Sehnenfäden eines Bären, mischten alles mit dem Speichel eines Vogels, dem Atem eines Fisches, der Geräuschlosigkeit einer Katze und wanden eine schmiegsame Fessel daraus, die sich umso stärker zusammenzog, je heftiger man gegen sie anging. Und die Fessel hieß Gleipnir.
An einen weltfernen, einsamen Ort begaben sich die Götter und nahmen den Fenriswolf wie zur Begleitung und Unterhaltung mit sich. Dort wiesen sie ihm die Fessel und reizten ihn wie schon zu zweien Malen, seine Kraft zu erproben. Aber der Wolf war mißtrauisch geworden und wollte nicht.
»Welch einen Feigling führen wir in unserer Mitte,« höhnten die Götter ihn aus.
Der Wolf wurde ärgerlich und wollte den Vorwurf nicht auf sich sitzen lassen.