Immer mehr häuften sich die Klagen über die Gewalttaten der Riesenmächte. Seit sie die Asen in Schuld verstrickt wußten, seit sie an den Himmlischen Schwächen und Fehler erkannt hatten, seit sie in dem gefürchteten Donnerer, nach Thors Fahrt zu Utgardloki, nichts anderes als einen Tölpel von Bauerngott zu erkennen glaubten und in dem Asen Loki oft genug einen stillen Verbündeten, wuchs ihre freche Anmaßung zur Unerträglichkeit, und besonders die Menschen hatten unter ihren räuberischen Übergriffen schwer zu leiden.
Der Donnerer aber hatte die erhaltene Lehre nicht vergessen. Tag und Nacht war er auf der Fahrt, und wohin ihn sein Bockgespann nicht trug, dorthin wanderte er mit seinem Hammer zu Fuß. Reißende Ströme durchwatete er, steile Felsenhäupter erklomm er, um der Räuber und Mörder der Menschen habhaft zu werden. Wo immer er sie antraf, stellte er sie wortlos zum Kampf und zerschmetterte ihnen mit seinem Hammer den Schädel. Da die Säufer und Fresser aber, die Thursen und Joten, Scharen von Kindern erzeugten, die in wenig Nächten stark und dick wie ihre Väter waren, so hatte der Hammer Tag und Nacht zu tun, ohne daß er die furchtbare Arbeit vollauf zu bewältigen vermochte. Und der Donnerer sah die wachsende Gefahr, wie Allvater Wodan am Brunnen Mimirs, mit stiller Sorge und schlug um so unerbittlicher drauflos, um Luft zu schaffen und den Göttern Zeit.
Nach Freya stand der gierige Sinn der Riesen. Ihre strahlende Wärme brauchten sie für ihr kaltes Reich und ihre Lieblichkeit zur Auffrischung ihres Wesens. Dessen waren die Götter sich wohl bewußt, und sie hatten Ursache genug, offene und versteckte Angriffe zu erwarten und abzuschlagen. Im übrigen aber schützte sie Thors Hammer.
Um so furchtbarer war darum die Bestürzung, als eines Morgens der Hammer verschwunden war. Der Donnerer hatte ihn in einer Nacht, die er daheim verbringen konnte, neben sich auf dem Lager gehabt. Als er erwachte, griff er, wie stets zuerst, nach dem Stil. Er tastete vergebens. Mit einem Satz war er auf den Beinen, suchte sein Haus ab und donnerte die Götter aus dem Schlummer. »Wer hat mir den Schabernack angetan? Das ist kein Scherzspiel, und ich will es nicht leiden!«
Die Götter jedoch waren unschuldig an dem Verschwinden und blickten dem Erzürnten offen in die Augen, ohne sich Rats zu wissen. Nur Loki grinste ein wenig in sich hinein. Als ihn aber der Donnerer mit zornfunkelnden Augen anfuhr, und die Götter klagend den Untergang Asgards weissagten, wenn der schützende Hammer nicht zur Stelle geschafft würde, wurde Loki geschmeidig, trat in den Kreis und gab sich ein großes Ansehen.
»Obwohl ihr es euch nicht zugestehen wollt, daß ich der Klügste bin, um nicht das winzigste Steinlein aus eurer Krone zu verlieren, will ich euch noch einmal den Beweis liefern und euch damit zur Anerkennung zwingen. Jammert weiter. Ich fahre in die Welt und suche den Hammer bei Riesen und bei Zwergen, im Schoße der Erde und auf dem Meeresgrund. Und ich werde ihn finden.«
Dann bat er Thor, ihm zu Freya das Geleit zu geben, denn er wünschte sich Freyas Falkenkleid zur Reise zu leihen, war aber bei Freya um seiner tückischen Liebeswerbungen willen nicht wohl gelitten. Freya willfahrte auf der Stelle und gab das Kleid. »Und wenn es von Gold und Silber wäre, ich gäb es her für den Hammer, der mich vor dem Begehr der scheußlichen Riesen schützt.«
Loki legte es an und fuhr brausend von dannen. Er fuhr nicht in den Schoß der Erde und nicht auf den Meeresgrund. Stracks fuhr er ins Riesenland nach Jotunheim und fand den Riesenfürsten Thrym vergnügt seine Rosse striegeln und schmücken.
»Nun?« rief er dem heranbrausenden Loki entgegen. »Was jagt dich so sturmschnell nach Jotunheim? Geht es den Asen nicht gut, und suchst du ein Mittel gegen ihren Kopfschmerz?«
»Höre mich, Thrym,« sagte Loki schmeichelnd, »ich muß den Hammer wieder holen. Käme ich ohne ihn heim, so möchte es mir auf ewige Zeiten übel ergehen.«