»Acht Tage hat Freya aus Sehnsucht nach dem heutigen Tage keinen Bissen über die Lippen gebracht.«

Das tat dem eitlen Thrym in der Seele wohl, und er umfing zärtlich das Bräutchen und wollte es küssen. Thor gab nur den oberen Teil des Schleiers frei, und mit einem Schreckensschrei taumelte Thrym zurück, als ihn ein paar wildfunkelnde Augen trafen.

Wieder begütigte Loki, Loki in der Magdkleidung, und er flüsterte dem Riesen zu:

»Habt Ihr Freyas Augen gesehen? Acht Tage ist kein Schlaf hineingekommen aus Sehnsucht nach Euch! Nimmer noch brannten Frauenaugen in solcher Liebesglut.«

»Holt den Hammer,« brüllte der Riese in trunkener Lust, »holt den Hammer Mjolnir! Im Zeichen des Hammers soll unser Ehebund gesegnet werden, wie es bei den Göttern Brauch! Freu dich, mein Mädchen!«

Der Hammer wurde gebracht und in den Schoß der Braut gelegt. Da klingelte Asathor nicht mehr mit dem Schlüsselring. Seine Hand umspannte den geliebten Hammerstiel.

Und plötzlich warf er den Schleier zurück und zeigte sein flammendes Angesicht mit dem roten, aufwärts gesträubten Feuerbart. Ein einziger Schrei durchgellte den Saal. Und der Hammer sauste zuerst in Thryms, des Riesenfürsten, Schädel und zermalmte ihn zu Brei. Und der Hammer sauste durch den ganzen Saal, bald hierin, bald dorthin, und wer da flüchten wollte, den holte er ein. Mitten im Saale stand der Donnerer und schlug mit seinem Hammer Mjolnir die ganze Hochzeitsgesellschaft, mehr als Hundert Riesen und Riesinnen, zu Tode. Wie feierte er mit seinem Hammer das Wiedersehen! –

So groß wie die Freude in Asgard, so groß war die Wut im Jotenreich. Da sie dieses Mal Freya nicht haben konnten, beschlossen die Riesen, die Götter durch das Alter kraftlos zu machen und sich zu diesem Zwecke Iduns zu bemächtigen, des Dichtergottes Bragi Ehegemahl, die die Äpfel der ewigen Jugend hütete. Doch die Jugendgöttin ging nicht über Asgards Wiesen hinaus, und es mußte schon ein Ase gefangen werden zum Austausch.

Es begab sich aber, daß Wodan mit anderen Göttern eine Fahrt durch die Welt machte, und auch Loki gehörte der Reisegesellschaft an. An einem Abend trieb sie der Hunger, sich auf einer entlegenen Weide einen Ochsen zu greifen, und sie brieten ihn unter einer ragenden Eiche. Aber so lange sie ihn auch brieten, das Fleisch wurde nicht gar. Da gewahrten sie im Wipfel des Baumes einen Adler, der vor Freude mit den Flügeln schlug und ihnen zurief: »Ich leid's nicht, daß euch der Braten gerät! Oder ihr gebt mir so viel von dem Ochsen, als ich mag.« Verwundert über das seltsame Abenteuer, sagten die Götter zu; der Adler rauschte vom Wipfel nieder, und das Fleisch wurde gar. Der Adler jedoch begehrte hämisch das Beste für sich und schlug seine Krallen in die festen Lenden und den saftigen Bug. Da stieß ihm der gefräßige Loki eine Eisenstange in den Bauch.

Die Stange aber blieb haften, so sehr Loki auch zog und rüttelte. Und der Adler erhob sich und schleifte Loki hinter sich drein, durch Stoppelfelder und Morast, durch stachliche Sträucher und scharfe Felstrümmer, also daß der Tückegott jämmerlich geschunden wurde und arg um Gnade flehte. Die Götter, die zurückgeblieben waren, hielten sich den Leib vor Lachen über des Listigen Mißgeschick und vernahmen nicht, was die Beiden verhandelten.